Musikrundschau: Der Wahnwitz kommt aus der Steckdose

9. November 2005, 00:47
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Neue Alben von Jackson and his Computer Band, Dakar & Grinser, Black Dice und The Test Icicles

JACKSON AND HIS COMPUTER BAND
Smash
(Warp/Edel)
Der französische Elektronikmusiker Jackson Fourgeaud lehnt sich mit diesem Debütalbum weit in jene Galaxien hinaus, die in früheren Zeiten auch einmal von Funk-Aliens wie George Clinton und seinem Parliament, von futuristischen Synthesizer-Hippies Marke Tangerine Dream oder Klaus Schulze, aber auch von neuzeitlichen Frickelmonstern wie Aphex Twin oder Autechre über die Reisetechnik der Albert Einstein geschuldeten Raumbeugung durchquert wurden. Heraus kommt eines der atemberaubendsten und eskapistischsten Elektronikalben der letzten Jahren. Disco-Psychedelic-Space-Pop-Funk-Punk. Und trotzdem in all seiner überbordenden Zerrissenheit jederzeit menschenfreundlich und hörbar, weil Songfragmente schon auch vorkommen dürfen. Die Wahrheit ist irgendwo da draußen. Sehr weit draußen. Ein Fest für die ganze Familie. Designerdrogen wären hilfreich.

DAKAR & GRINSER
Triumph Of Flesh
(Disko B/Ixthuluh)
Das Münchner Elektronik-Duo veröffentlichte schon 1999 mit dem Album Are You Really Satisfied? einen Meilenstein des heute auch schon wieder von der im Alter immer später auf Trends kommenden Trittbrettfahrerin Madonna endgültig Richtung Gottesacker zu Tode genudelten Electro- Clash-Disco-Techno-Punk-Fuck (siehe Madonna- Artikel oben). Nach dem hervorragenden Soloalbum von Christian Kreuz (Diktatur des Kapitals) und Grinsers Arbeit mit dem Österreicher Florian Horvath als Duo Grom nun das Comeback. Noch immer reiten sie als elektrische Cowboys in die grindige Rotlicht-Disco und feiern sich als Sex Pistols in Armani-Schale. Allerdings ist hier zwischen House-Beats und Techno-Rock und provokativ gelangweiltem Grundelkaiser-Gesang (Dreams. Drugs, Nightmares!) jetzt erstmals auch tatsächlich ein im Genre neuer „elektronischer Countrysong“ wie Better Times zu vernehmen. Wir sind entzückt!

BLACK DICE
Broken Ear Record
(EMI/Import)
Verdreckte tribalistische Rhythmus-Schlieren, die auf atavistische Tänze im Bauch von New York schließen lassen. Dazu kranke repetitive Keyboard-, Gitarren und Tonband-Sounds, die an alte Platten von deutschen Krautrockern wie Faust oder Can erinnern. Eine unerhörte Instrumentalmusik weit außerhalb gängiger Genres. Hören mit Schmerzen. Dennoch das bisher eingängigste Album dieser wütenden New Yorker Klangforscher.

THE TEST ICICLES
For Screening Purposes Only
(Domino/Edel)
Junge Briten, die dankenswerterweise absolut nichts mit diversen Retrobands zu tun haben, sondern hier auf diesem Wunderwerk der Hysterie unter Hochdruck jene Möglichkeiten erschließen, die sich ergeben, wenn man die splitternden Indie-Rock-Gitarren von Bloc Party. mit der aggressiven Härte von Death From Above 1979, dem Metal-Wahnsinn von den alten Ungustln Slayer und diversen Errungenschaften des HipHop und Dancefloor kurzschließt: „We could do with some more poison!“ Nervöser geht’s nimmer. (schach/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.11.2005)
  • Jackson and his Computer Band "Smash"
    foto: warp

    Jackson and his Computer Band "Smash"

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