EZB legt sich nicht auf Termin für Zinserhöhung fest

10. November 2005, 19:37
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Trichet: Jederzeit möglich - Analysten: Kein Hinweis auf Erhöhung noch in diesem Jahr

Frankfurt - Die Europäische Zentralbank (EZB) bewegt sich weiter auf ihre erste Zinserhöhung seit fünf Jahren zu. Über den genauen Zeitpunkt ließ EZB-Präsident Jean-Claude Trichet aber die Finanzmärkte im Unklaren. Die EZB könne die Zinsen jederzeit ändern, wenn es ihre Verpflichtung zu Preisstabilität erfordere, sagte Trichet am Donnerstag nach der Ratssitzung in Frankfurt.

"Ich habe die Märkte diesbezüglich sehr, sehr deutlich gewarnt." Den seit fast zweieinhalb Jahren unveränderten Leitzins von zwei Prozent bezeichnete er erneut als "noch angemessen" und wiederholte das Versprechen "großer Wachsamkeit" angesichts gestiegener Inflationsgefahren.

Unveränderte Einschätzung

Die Zentralbank könne den Zins nur konjunkturfördernd niedrig halten, wenn die Inflationserwartungen trotz der aktuell erhöhten Teuerungsraten nicht zulegten. Andererseits betonte Trichet, die Einschätzung des Rates habe sich seit Oktober nicht geändert. Damals hatte er ausdrücklich gesagt, er kündige keine Zinserhöhung an.

Spekulationen am Finanzmarkt über eine geldpolitische Straffung schon im Dezember erhielten davon einen Dämpfer. Zinsfutures verzeichneten zeitweise Kursgewinne, während der Euro angesichts der schwinden Aussicht auf steigende Zinsen unter Druck geriet. Doch der EZB-Chef verdeutlichte zugleich, dass ein Zinsschritt zu diesem Termin auch nicht ausgeschlossen ist. "Wir haben niemals versprochen, dass wir nicht (die Zinsen) ändern würden", ließ Trichet den Termin für den Zinsschritt im Ungewissen.

Inflationswarnungen

Die EZB sehe durch die Entwicklungen der vergangenen Wochen ihre Einschätzung von Anfang Oktober nur bestätigt, sagte Trichet. Die Währungshüter hatten sich damals angesichts des anhaltend hohen Ölpreises und starken Geldmengenwachstums besorgter über die Gefahren für die Preisstabilität geäußert. Ein Strom von Inflationswarnungen hatte Spekulationen über eine Zinserhöhung im Dezember angeheizt. Doch in der mit Spannung erwarteten Erklärung verschärfte Trichet die Wortwahl nicht.

Keine hohen Risiken

Die Konjunktur habe den Ölpreisschock bisher gut verkraftet, und die Erholung verstärke sich, äußerte die EZB etwas mehr Zuversicht. Der Hinweis auf Inflationsgefahren fehlte ebenso wenig wie die Beschwichtigung, die Teuerungsraten blieben, vom Ölpreis getrieben, nur "kurzfristig" deutlich über zwei Prozent. Bisher gebe es keine klaren Anzeichen für binnenwirtschaftlichen Preisdruck.

Trichet rief die Sozialpartner erneut auf, nicht mit höheren Tarifabschlüssen auf die aktuell erhöhte Teuerung zu reagieren. Zweitrundeneffekte von den Löhnen gebe es aber weiterhin nicht. Der EZB-Chef erklärte zugleich, die EZB werde handeln, bevor die Inflation steige. "Was einen Präventivschlag angeht, würde keine Zentralbank es als ratsam betrachten, zu warten, bis Inflation eingetreten ist." Die EZB bleibe besorgt angesichts der deutlichen Inflationsgefahren und befürchte, der Ölpreis könne doch irgendwann Löhne und andere Preise nach oben ziehen.

Konjunkturerholung abwarten

Trichet gab nach Einschätzung von Analysten damit keinen Hinweis auf eine Zinserhöhung im Dezember. Doch die wenigen Anhänger eines frühen Zinsschrittes blieben ebenso bei ihren Prognosen wie die Mehrheit der Volkswirte, die mit einem Abwarten der EZB bis ins kommende Jahr rechnet. BHF-Chefvolkswirt Uwe Angenendt geht weiter von einer Straffung im Dezember aus, wenn die Inflationsprognose der EZB-Volkswirte für das kommende Jahr nach oben revidiert werde. Die EZB werde die Niedrigzinspolitik beenden, wenn sich die Konjunktur erhole.

Die Investmentbank Lehman Brothers blieb dabei, dass die EZB die Zinsen 2006 gar nicht erhöht. Zu den gefürchteten Zweitrundeneffekten werde es nicht kommen, und die Konjunktur sich wieder abschwächen, sagte Analyst Michael Hume. Die Landesbank Baden-Württemberg tippt weiter auf April - aber nur, wenn die Konjunktur noch stärker anspringt. "Wenn die Konjunktur nach einer Zinserhöhung in die Knie gehen würde, wäre der schwarze Peter bei der EZB", sagte Jens-Oliver Niklasch von der LBBW. "Für die EZB wäre das der Albtraum." (APA/Reuters)

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