Blockbusterbootlegs

8. November 2005, 20:50
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Noch bevor der Wirt uns die Teller auf den Tisch stellen konnte, war die Chinesin da und hatte einen Stapel DVDs auf den Tisch gelegt ...

Es war gestern. Da stand die Chinesin an unserem Tisch. Und hätte W. in seiner Kolumne im Falter nicht am selben Tag geschrieben, dass er die Sache für eine urbane Legende hält, hätte ich mir wohl keine roten Finger geholt. Weil die Farbe auf Jodie Fosters Gesicht nämlich noch feucht war. Beziehungsweise: noch ist. Aber wieso das Rot auf der DVD nicht eintrocknet, habe ich noch nicht ergründet.

Wir saßen im neuen Wirtshaus in meiner Straße. Der Laden hatte gerade eröffnet und C. – der Rondo-Gastrokritiker - ­hatte uns zum Mitessen heruntergeklingelt. Noch bevor der Wirt uns die Teller auf den Tisch stellen konnte, war die Chinesin da und hatte einen Stapel DVDs auf den Tisch gelegt.

Flightplan

Die Pornos - unsere Nachbarin saß mit ihren fünfjährigen Mädchen mit am Tisch -­ schoben wir weg. "Flightplan", "Zorro" und "Wallace & Gromit" nicht. Und als A. und C. unisono meinten, dass doch jeder wisse, dass auf diesen DVDs nichts drauf sei, fiel mir die Falterkolumne ein: Jeder wisse es, war da zum Thema Blockbuster-Bootlegs gestanden, aber auf Nachfrage habe es dann jeder nur von jemandem gehört, der wen kenne, der sagt, er wisse ... das übliche eben.

Ich legte fünf Euro auf den Tisch. Für drei Filme. Später, daheim, holte ich mir an Jodie Foster rote Finger und legte alle Scheiben in den Player. Der verweigerte. So wie alle Rechner bei uns im Haus: Die Trägermedien ließen sich öffnen, zeigten ein paar Ordner und eine Handvoll Dateien. Aber keine ließ sich öffnen. (Jodie Foster legte ich nicht ein: Auf Farbe im Laufwerk kann ich verzichten.)

Zorro

Heute gab ich die Discs unseren Technikern. Die freuten sich: Wenn da Bilder und Filme drauf wären, würden sie sie sichtbar machen. Betriebssystemunabhängig. Und zur Not auch mit Gewalt. Außerdem waren die Herren besorgt: Wenn man für fünf Euro drei Rohlinge samt Hülle plus (verwaschener) Farbausdrucke auf die DVDs und fürs Cover bekäme, zeige dass, wie billig primitive IT-Dienstleistungen mittlerweile sind. Irgendwo auf der Welt. Und das heiße nichts Gutes.

Zwei Stunden später lagen die Filme wieder bei mir: Irgendjemand hatte tatsächlich versucht, etwas auf die Scheiben zu spielen. Nur, so die Techniker, "das, was da drauf ist, kriegst du mit keiner Software der Welt auf". Aber auch das, was da draufgespielt werden hätte sollen, wäre "unter jeder Sau" gewesen: Von DVD-Qualität hätte da nie die Rede sein können. "Das wäre eine Video-CD geworden, was qualitativ mieseres gibt es nicht."

Wallace & Gromit

Böse Absicht der Chinesen (um es schön pauschal zu formulieren) den Käufern gegenüber dürfe man aber nicht vermuten: Der Versuch sei gemacht worden ­- und manchmal, erzählte der Techniker, gelänge das auch: Ein Kollege, der zufällig die Hüllen auf seinem Tisch gesehen habe, habe erzählt, auch DVDs gekauft zu haben. Die Filme seien da gewesen – allerdings in dermaßen schlechter Qualität ("das hat extrem ausgepixelt und die Bilder blieben ständig stecken"), dass er nach vier Minuten das Handtuch und die Filme in den Müll geworfen habe. Vermutlich, sagte der Techniker, wäre die Qualität eines mit dem Handy von der Leinwand abgefilmten Hollywoodschinkens besser als das, was da als Raubkopie verkauft worden war.

Ich war erleichtert. Schließlich hatte ich somit ja auch kein Delikt gesetzt: Wenn ich keinen Film gekauft hatte, konnte ich damit ja gar kein Urheberrecht brechen. Und sei auch kein Hehler. Dummerweise bin ich tagsüber von Leuten umgeben, die rechtlich halbwegs versiert sind: In solchen Fällen, erklärte mir Kollege M. aus der Standard-Chronik, zähle hier die Absicht. Ich säße also in der Kacke. Und er habe mich in der Hand. Aber er lasse mit sich reden: Ich müsse ihm bloß Kopien der Cover seiner Lieblingsfilme besorgen. Er habe ein paar fliegende Händler an der Hand – und in Wiens Beisln wären offensichtlich genug Dumme unterwegs.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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    foto: rottenberg
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