Halbgötter im Ruhestand: Ausstellung "Superstars" in Wien

13. November 2005, 22:24
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Dem Thema entsprechend haben das Kunstforum und die Kunsthalle beschlossen, gemeinsam zu agieren

Der Kraftakt "Doppelausstellung" kündet nur von Intention. Die Ikonen hängen brav in Reih und Glied.


Wien - Es hilft alles nichts: Man muss ganz einfach an Waterloo denken: an Waterloo & Robinson. Unvergessen deren Zeilen: "Good old Hollywood is dying, good old Hollywood is dead". Unvergessen auch deren Plädoyer für das Geborgensein im Altbekannten: "Das - ist - meine kleine Welt, sie ist frei und ohne Sorgen, Denn in meiner kleinen Welt freu' ich mich auf jeden Morgen. Das ist meine kleine Welt, sie ist frei und ohne Sorgen, Denn in meiner kleinen Welt fühl' ich mich mit dir geborgen."

Jedenfalls dürfte Österreich ein Paradies sein. Ein Paradies für Superstars in Pension. Wo sonst bitte, werden die derart gehegt und gepflegt, wo sonst bitte hängen die so fein gerahmt nebeneinander? Wo sonst ist es möglich, die Mythen so rein, so befreit von allem Schmutz zu zeigen? Es war ein Kraftakt sie alle hierher zu bringen. Zwei der wichtigsten Häuser am Platz haben segensreich zusammengewirkt, das Aufgebot auch tatsächlich stattfinden zu lassen.

Die Monroe, der Jeff Koons, der Marlboro-Man: Alle sind sie da und brauchten doch nicht zu kommen. Endlich ein roter Teppich, der ganz dem Publikum vorbehalten ist, der Laufkundschaft, die ihren Stars endlich nahe sein kann. In der Kunsthalle im Museumsquartier und im Kunstforum der Bank-Austria am Hof. Elvis lebt! Und Che Guevarra sowieso. Und mit ihnen im Himmel über Wien all die anderen, die man seit Funk, Film und Fernsehen so bewundert: Madonna, Sophia Lauren, Brigitte Bardot, Jackie Onassis, Robert Redford und Picasso.

Und weil Wien so ein Herz hat für die Stars und deren Bedürfnis nach Ruhe, regt sich auch keiner darüber auf, dass Arno Breker rein zufällig in die Ausstellung gerutscht ist, weil er ein Foto von Joseph Beuys in Händen hält, und keinem würde es einfallen, viel Wirbel darum zu machen, dass Michael Jackson und Caligula in town sind.

"We're in!"

Spätestens seit Andy Warhol diese Coca-Cola-Flasche versilbert hat, wissen wir: "We're in!" Und also verhalten wir uns dementsprechend dezent, genehmigen jedem für alle Zukunft seine 15 Minuten Ruhm, ertragen geduldig Matthias Hermann halb erigiert (Selbstporträt) neben einer masturbierenden Marylin Monroe (Foto: Alison Jackson), und regen uns nicht weiter auf, wenn Gilbert & George Tränen vergießen, während Tracey Emin glücksverheißende Banknoten in ihre Scham stopft.

Wir wissen ja, wohin das führt. Früher oder später wird Sylvie Fleury auftauchen, um von Prada und Gucci zu erzählen, wird Stiletto-bewehrt und kritisch silberne Christbaumkugeln zertreten, während Jeff Koons kontobewusst ein Schwein neckt. Nur Urs Lüthi ist das alles wurst: Art is the better Life denkt er sich, und steht ruhig und gelassen im und auf dem Mist. Und weiß, dass er nie der Kunde sein wird, der sich Piero Manzonis Merda d'artista in der Dosen andrehen lässt; aber der Produzent sehr wohl.

It could be Elvis, sagt Louise Lawler, Salvador Dali gefällt sich darin, ein Rhinozeros anzustarren (Philippe Halsmann hat das 1956 als Silver/Gelatin-Print festgehalten) und Marcel Duchamp wird erneut aufgeboten, um der Mona Lisa einen Schnurrbart aufzubinden.

Wiens Siegertypen zeigen den Wienern was echte Siegertypen sind. Sie weisen den Weg, zeigen, was einen echten Künstler ausmacht: Nicht die Biografie und nicht der Zweifel, allein die Marke. Und wer da keine Ikone zustande bringt in seinem Lebenswerk, der ist nicht. Es sei denn, er wird just dann fotografiert, wenn er gerade dekorativ fertig ist. Man muss da echt aufpassen, nicht unversehens urplötzlich als Gallionsfigur in einem Schrägschnittpassepartout zu landen.

Eine Weltidee!

Jedenfalls kann man sagen, das Superstars eine echte Weltidee war. Gerade in Zeiten wie diesen, wo die publikumsträchtigen Namen entweder rar oder zu teuer sind. Wir zeigen alles!, wir liefern euch Voyeueren nicht nur einen Bohemien, wir bescheren euch ein ganzes bundle an Genies, ehemals verkannten Außenseitern, schauderbaren Extremisten und blauäugigen Visionären - die ultimative Schau!

So etwas funktioniert natürlich nur in einer großen Koalition, lässt sich nur realisieren, wenn alle an einem Strang ziehen: Und so haben sich Ingried Brugger und Gerald Matt fest verzurrt, um die Wurzel aus der Geschichte von Gitarre, Rockmusik, René Magritte, Christian Ludwig Attersse und Metrosexualität zu ziehen. Brav hängen die Ikonen in Reih und Glied. Das Ergebnis ist beliebig. Waterloo & Robinson: "Sing, sing my song ... " (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.11.2005)

Von Markus Mittringer

Links

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kunstforumwien.at

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