Nach dem Krieg half die Schweiz

7. November 2005, 14:28
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Gastfamilien nahmen rund 35.000 österreichische Kinder auf

Wien/Bern - Rund 35.000 österreichische Kinder wurden zwischen 1945 und 1955 auf Vermittlung des Schweizer Roten Kreuzes von Eidgenössischen Gastfamilien aufgenommen. Ziel war es, unterernährte Kinder wieder aufzupäppeln und allgemein ihre Lebensverhältnisse zu verbessern, etwa durch die Beschaffung von Kleidung. Die Beschenkten gründeten später in Wien den "Klub der Schweizerkinder".

Zwischen November 1945 und Ende 1946 fuhren monatlich drei Züge mit je etwa 400 Kindern in die Schweiz, 1947 waren es immer noch zwei im Monat, wobei abwechslungsweise alle Bundesländer berücksichtigt wurden. In der Regel blieben die Kinder drei Monate. "Die Auswirkung in gesundheitlicher Hinsicht war deutlich nach Rückkehr eines Zuges zu sehen. Oft kannten die Eltern ihr eigenes Kind kaum mehr, da es so zugenommen und gute Farbe bekommen hatte", heißt es in einem damaligen Rechenschaftsbericht zur Kinderhilfe.

Ausspeisungen in Österreich

Die Unterstützung der Schweizer Pflegeeltern ging aber weiter, fuhren die österreichischen Kinder doch meist mit Paketen, Kleidern, Schuhen und anderem heim. Außerdem organisierte das Schweizer Rote Kreuz Ausspeisungen in Österreich, zunächst in den am schwersten Betroffenen Teilen Wiens, vor allem im sowjetisch besetzen Sektor. Im März 1946 gab es 16 Kantinen, eine Zeit lang wurden aus neun Küchen 145 Dörfer und Ausspeisungsstellen mit Essen versorgt.

Weitere Aktionen der Kinderhilfe waren Patenschaften für Kinder zwischen vier und 14 Jahren, die medizinisch zwar einen dreimonatigen Aufenthalt in der Schweiz gebraucht hätten, aber nicht genommen werden konnten. Im November 1946 wurden 3.000 Pakete pro Monat geschickt, bis zum Schluss der Aktion im Mai 1949 wurden eine monatliche Ausgabe von 6.650 Paketen erreicht. Ab Herbst 1947 gab es auch eine Unterstützung von Kinderheimen, vor allem Erholungsheimen, Säuglingsstationen und Tuberkuloseheilstätten. Auch Flüchtlingslager in Österreich wurden vom Schweizer Roten Kreuz unterstützt.

Kinder aus anderen Ländern

Die Schweizer halfen nach dem Krieg aber nicht nur österreichischen Kindern: Über 150.000 Kinder aus verschiedenen Ländern Europas wurden von Kriegsbeginn bis 1948 in Schweizer Gastfamilien aufgenommen. Eine vorsichtige Schätzung geht davon aus, dass das Schweizer Rote Kreuz für die Auslandshilfe in den vom Krieg heimgesuchten Staaten Europas mehr als 120 Millionen Schweizer Franken damaligen Wertes aufgewendet hat.

"Das Paradies" war es bei "meiner Schweizer Mutti" erinnert sich Eveline Pfeiffer an einige glückliche Monate im Jahr 1949. Damals war die Österreicherin in Basel bei einer Pflegefamilie und erlebte eine heile Welt, wie sie es in den Nachkriegsjahren daheim nicht finden konnte. Am Freitag nahm sie, wie auch ihre Schwester Elisabeth Toriser, an einer Dankveranstaltung von 200 "Schweizer Kindern" in Bern teil.

Von "Mutti" spricht auch Josef Rohringer, wenn er nach seinen Schweizer Pflegeeltern gefragt wird. Rohringer war 1945 beim ersten Kinderzug aus Wien dabei. "Der Aufenthalt war für mich, aus ärmlichen Verhältnissen in Wien kommend, eine Lebenswende". Er habe zur Familie gehört, erinnert er sich. Sogar zum Skiurlaub sei er mitgenommen worden, Ausrüstung inklusive. Für ein Wiener Kind im Jahr 1945 ein unfassbares Erlebnis. "Wie das damals war, kann man ja niemandem erzählen. Da heißt es gleich "so ein Film" sagt Rohringer.

Dabei war die Aufnahme eines österreichischen Kindes für die Schweizer Eltern nicht ganz so ohne. Josef kam 1945 am Nikolotag an, erinnert sich seine Schweizer Pflegeschwester Madeleine Marmonti. Die Pflegeeltern erfuhren von seiner Ankunft erst drei Stunden im Voraus. Für Madeleine und ihren Bruder hieß das, die schon ausgepackten Nikologeschenke wieder zusammenlegen und durch drei teilen, damit auch Josef aus Wien gleich viel bekommt.

"Das war auch gut für uns. So haben wir erst mit bekommen, wie sich der Krieg ausgewirkt hat" sagt Marmonti heute. Auch damals entstanden aber offensichtlich keine negativen Gefühle. Marmonti wurde "gemeinsam mit einem Schulfreund aus der Schweizer Schulzeit" Taufpatin für Rohringers Sohn.

Aber nicht alle damaligen Pflege-Familienbande hielten über die Jahre. Manchmal aus überraschenden Gründen. "Meine Mutter hat das unterbunden", sagt Vera Stöberl. Vermutlich aus Eifersucht auf die schöne Zeit in der Schweiz. Selbst die Briefe aus der damaligen Zeit seien nicht mehr aufzufinden. Das hat Stöberls positive Gefühle und Dankbarkeit gegenüber der Schweiz aber nicht gemindert. (APA)

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