Österreichs Streik-Statistik

8. Dezember 2005, 18:05
posten

Abgesehen vom Rekordjahr 2003 ließ die schwarzblau/orange Regierung die Streikquote nicht stark ansteigen

Wien - Sollten die gewerkschaftlich gut organisierten Eisenbahner bis 2006 tatsächlich wieder streiken, dann wird sich das in der Statistik deutlich niederschlagen. Denn im internationalen Vergleich gilt Österreich nicht gerade als streikfreudig - und sieht man vom Rekordjahr 2003 ab, dann ist die Kampfeslust auch nach Antritt der schwarz-blauen Regierung nicht deutlich gestiegen. Im Vorjahr haben sich überhaupt nur 30 Personen an Arbeitskämpfen beteiligt.

Das Jahr 2003 hatte es freilich in sich: Knapp 780.000 Arbeitnehmer, so viele wie nie zuvor in der Zweiten Republik, beteiligten sich an Kampfmaßnahmen - unter anderem gegen Pensions- und ÖBB-Reform sowie im Zusammenhang mit dem Gehaltskonflikt bei den AUA-Piloten. Auch die Dauer brachte einen Rekord: Vom ÖGB wurden für 2003 insgesamt 10,4 Millionen Streikstunden bzw. 1,3 Mio. Streiktage errechnet.

2004 wurde es dann wieder ruhig: In der Streikstatistik scheinen für das Vorjahr nur 1.422 Streikstunden mit 30 Beteiligten auf.

1962 - Jahr der Langzeitstreiks

Eine offizielle Streikstatistik des ÖGB gibt es erst seit 1950. Daher kann seriös nur seit damals Vergleich gezogen werden. Das zweitstärkste Streikjahr war demnach 1962, als durch Langzeitstreiks von Metallern und Exekutive 5,1 Millionen Streikstunden zusammenkamen. Drittstärkstes Jahr ist offiziell 1950, mit den Protesten gegen die Preis- und Lohnabkommen (4,04 Mio. Streikstunden). Allerdings ist diese Zahl mit Vorsicht zu genießen, da vom ÖGB nicht anerkannte Streiks in der Statistik nicht berücksichtigt wurden und der tatsächliche Wert weit höher liegen dürfte.

Den letzten Eisenbahnerstreik vor 2003 gab es übrigens 1965. Damals legten die Eisenbahner und Postler für einen Tag die Arbeit nieder. Sie erzwangen damit eine Gehaltserhöhung um heute unvorstellbare sieben Prozent sowie mehr Kindergeld. In der ÖGB-Statistik liegt 1965 damit an vierter Stelle (3,4 Millionen Stunden).

Drei Minuten Streik

In letzter Zeit hatte die Streiklust deutlich abgenommen. Blickt man auf die vergangenen zehn Jahre, wurde vom ÖGB gleich fünf Mal (1994, 1996, 1998, 1999, 2001) ein Nullwert verzeichnet. Die Streikdauer pro Beschäftigtem überschritt in dieser Periode nie drei Minuten.

Das hat sich erst 2003 dramatisch geändert. Bei einem Aktionstag am 6. Mai mobilisierte die Gewerkschaft nach eigenen Angaben rund eine halbe Million Menschen gegen die Pensionspläne der schwarz-blauen Koalition. Den größten Streik der zweiten Republik gab es dann am 3. Juni. Mehr als eine Million Menschen in rund 18.000 Betrieben und Dienststellen legte für 24 Stunden in einem Abwehrstreik die Arbeit nieder. Beschlossen wurde die Pensionsreform trotzdem, immerhin erreichte die Gewerkschaft mittels eines Verlustdeckels eine Abfederung der Einbußen.

Doch auch die Eisenbahner machten mobil, um gegen die Regierungspläne zur ÖBB-Reform zu demonstrieren. Nach kurzen Warnaktionen standen ab 12. November 2003 in einer zunächst unbefristeten Aktion 66 Stunden lang die Züge still. Herausgeholt wurde dabei von Seiten der Gewerkschaft, dass das neue Dienstrecht nicht per Gesetz beschlossen sondern auf Sozialpartner-Ebene ausgehandelt wurde. Genau an dieser Frage könnte sich nun der nächste Eisenbahner-Streik entzünden. (APA)

Share if you care.