Verschleierte Erotik

9. November 2005, 00:44
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Cecilia Bartoli widmet sich auf der CD "Opera Proibita" einer Zeit, als die Oper den Päpsten in Rom zu schlüpfrig war

CD-Business-mäßig betrachtet, ist diese Cecilia Bartoli ein antizyklisches Wesen. Mag sich um sie herum in den vergangenen Jahren das Geschäft recht bescheiden verhalten haben (es ist geschrumpft), schafft es die Italienerin sogar mit Repertoire, das eher im Bereich der Rarität angesiedelt ist, für tadellose Umsatzzahlen zu sorgen. Auch Bartoli kann zwar nicht auf Operngesamtaufnahmen verweisen, auch sie muss ihre Veröffentlichungen potpourriartig anlegen, aber immer ist ein Thema im Mittelpunkt, das eine Interesse weckende Klammer bildet.

Natürlich wird dem Thema auch optisch Rechnung getragen. Betrachtet man das Foto, assoziiert man gleich Rom, Federico Fellini und seinen Film "La Dolce Vita". Bartoli schlüpft ins Anita Eckberg-Kostüm und offenbar in den berühmten barocken Brunnen. Bei ihr freilich geht es um das Rom des 17. und 18. Jahrhunderts, als die Oper der Kirche moralisch nicht geheuer war - zumindest offiziell. Folgerichtig nennt sich das Ganze "Opera proibita" (Universal) und bezieht sich auf das Verbot von öffentlichen Opernaufführungen, das jedoch nicht so dauerhaft war, wie es hier den Anschein hat. Wie auch immer: Eine der Ideen, das Verbot zu umgehen, bestand darin, die Form des Oratoriums zu forcieren. Bibelcharaktere standen auf der Bühne, aber man nahm sich nicht die Möglichkeit, eine Menge Emotion mit hineinzuverpacken. Deren Erweckung wiederum liegt der Bartoli. Ihre flexible, wendige Stimme wetteifert hier koloraturselig mit den Originalklang-Instrumentalisten der Musiciens du Louvre unter Dirigent Marc Minkowski um Unmittelbarkeit.

Händel, Alessandro Scarlatti und Antonio Caldera werden durcheinander gemixt und von Bartoli mit ihrer typischen, etwas zur Affektiertheit neigenden Intensität aufgeladen. Akzeptiert man die Manierismen, bleibt allerdings von einer auch im Lyrischen delikaten Stimme zu berichten, die es versteht, mit einem zu ihren Möglichkeiten passenden Material durchaus zu erfreuen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.11.2005)

Von Ljubisa Tosic
  • Cecilia Bartoli "Opera Proibita" (Decca)
    foto: decca

    Cecilia Bartoli
    "Opera Proibita"
    (Decca)

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