Anhaltende Krawalle bei Paris erhöhen Druck auf Regierung

3. November 2005, 14:57
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In siebter Nacht der Gewalt erneut Angriffe auf Polizisten - Einkaufszentrum teilweise verwüstet - Premier und Innenminister verzichten auf Auslandsreisen

Paris - Nach den erneuten Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei in mehreren Pariser Vororten wächst der Druck auf die französische Regierung, rasch wieder für Ordnung zu sorgen. Ein Gewerkschaftsvertreter forderte Innenminister Nicolas Sarkozy auf, in den betroffenen Gebieten eine Ausgangssperre zu verhängen, damit die Gewalt nicht weiter außer Kontrolle gerät. Der Gleichberechtigung-Minister Azouz Begag kritisierte Sarkozy, der die Jugendlichen als Abschaum bezeichnet hatte. Jean-Louis Borloo, Minister für Soziale Gerechtigkeit, forderte, kein einseitiges Bild von den Vororten zu zeichnen. "Man darf keine Sekunde daran glauben, dass dies das wahre Leben in diesen Vierteln ist", sagte er dem Sender France 2. "Sie sind ein integraler Bestandteil unseres Landes. In diesen Viertel werden die meisten Unternehmen gegründet."

In der hauptsächlich von Nord- und Schwarzafrikanern bewohnten Vororten hatten sich in der Nacht zum Donnerstag erneut bürgerkriegsähnliche Szenen abgespielt. In der siebten Nacht in Folge wurden Autos angezündet und Polizisten mit Steinen angegriffen. In Bobigny, nordöstlich von Paris, wurde ein Einkaufszentrum teilweise verwüstet, die etwa 40 vermummten Randalierer griffen Verkäuferinnen tätlich an. Wie die Polizei am Mittwochabend berichtete, ging in der Nähe ein vor der Präfektur stehendes Auto in Flammen auf. Jugendliche Gewalttäter versuchten, eine Polizeistation in Brand zu stecken.

Die Polizei hatte mehrere Hundertschaften aufgeboten, um gegen die Unruhestifter vorzugehen, die die siebte Nacht in Folge randalierten. Premierminister Dominique de Villepin sagte wegen der Krise kurzfristig eine Kanada-Reise ab. Innenminister Nicolas Sarkozy verzichtete auf Reisen nach Afghanistan und Pakistan.

Chirac mahnt Minister zur Besonnenheit

Präsident Jacques Chirac mahnte die erhitzten Gemüter am Mittwoch zur Besonnenheit. In den Problemvierteln müsse "das Gesetz streng geachtet werden, allerdings im Geist des Dialogs und Respekts", sagte der konservative Staatschef. Beobachter sahen darin auch eine Zurechtweisung Sarkozys, der wegen seiner harten Wortwahl für die Eskalation der Gewalt mitverantwortlich gemacht wird. Sarkozy hatte unter anderem angekündigt, die Problemviertel mit einem "Hochdruckreiniger" von dem "Gesindel" zu säubern. Statt "kriegerischer Worte" sei eine Beruhigung der Lage angebracht, sagte der Minister für Chancengleichheit, Azouz Begag.

TV: Vermummte rufen islamische Parolen

Sarkozy forderte für die hauptsächlich von Einwanderern aus Nord- und Schwarzafrika bewohnten Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit aber auch mehr soziale Gerechtigkeit. "Die Jugendlichen dort wollen keine Wohltätigkeit. Sie wollen Arbeit finden und etwas aus sich machen", sagte der Minister. Gleichzeitig müsse man durchgreifen: "Dort gilt allzu oft das Recht von Banden, Drogendealern und Schwarzhändlern." Soziologen erklärten den Gewaltausbruch mit der Verzweiflung junger Leute, die sich von der Gesellschaft und Arbeitswelt ausgeschlossen sähen. Im Fernsehen waren vermummte Jugendliche zu sehen, die nachts islamische Parolen riefen.

Die Welle der gewalttätigen Ausschreitungen hatte in der Nacht auf vergangenen Freitag begonnen, nachdem in Clichy-sous-Bois zwei Jugendliche, die offenbar auf der Flucht vor der Polizei über die Absperrung eines Transformators geklettert waren, tödliche Stromschläge erlitten hatten. (APA/dpa/red)

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    "Anti-Riot-Polizei" steht jugendlichen Krawallmacher auch diese Nacht hilflos gegenüber

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