Der Ruf der Wildnis

6. Dezember 2005, 11:37
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Die wilde Côte d'Azur: Klaus Taschwer war bei Alphawölfen in den Meeralpen, hing mit dem Karabiner in Bäumen statt in Cannes abzuhängen...

... Und verlor sich schließlich in einem Labyrinth aus Kletterpflanzen statt im Nachtleben von Saint-Tropez

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Die beiden Damen aus Italien haben sich noch nicht so recht an ihr südfranzösisches Domizil gewöhnt. Ziemlich rastlos hasten sie durch ihre exklusive Unterkunft und entziehen sich recht schnell den neugierigen Blicken. Die fünf Damen und fünf Herren aus Tschechien hingegen fühlen sich in ihrer neuen Umgebung angeblich ganz wohl - schließlich ist das Anwesen mit mehr als einem Hektar um einiges großzügiger gestaltet als ihr früheres Domizil in Prag. Anschauen lassen sie sich trotzdem nur selten.

Immerhin haben beide Gruppen Kontakt zu den heimischen Artgenossen, wenn auch nur indirekt: Man hört sich in der Nacht. Und man kann einander riechen - auch noch über drei Kilometer Entfernung. Die Rede ist von Wölfen, die seit einigen Monaten in einem ziemlich einzigartigen Naturpark in Südfrankreich leben, gerade einmal 90 Autominuten von der Küste entfernt auf rund 1500 Metern Seehöhe.

Was man nämlich leicht vergisst: dass die Alpen, die an der Donau bei Wien beginnen, quasi über den Dächern von Nizza enden, wo sie mehr oder weniger abrupt abfallen ins azurblaue Mittelmeer. Klar, die Côte d'Azur, das sind zunächst einmal Monaco, der Jetset, die Formel 1, die Croisette von Cannes und das Nachtleben. Doch die französische Riviera hat seit Kurzem noch ganz andere Attraktionen zu bieten - wie zum Beispiel die Wölfe von Saint Martin Vésubie.

Eigentlich waren die scheuen Raubtiere in Frankreich ja längst ausgerottet. Doch Anfang der Neunzigerjahre kehrten sie über die italienische Grenze zurück in die französischen Meeralpen. Aufgrund dieser Tatsache hatte Gaston Franco, der findige Bürgermeister des fast 1000 Jahre alten und immer noch ziemlich mittelalterlichen Bergstädtchens eine Vision, die vor wenigen Monaten Wirklichkeit geworden ist: der Wolfspark nämlich, ein paar Kilometer vom malerischen Kaff entfernt, inmitten einer ziemlich alpinen Bergkulisse, die auch irgendwo in Tirol oder im Wallis stehen könnte.

Die rund zwei Dutzend Wölfe in insgesamt drei großen Gehegen sind aber nur ein Teil der Attraktion, zumal man die scheuen Räuber selbst von den Aussichtswarten aus nur mit etwas Geduld zu sehen bekommt. Die weitläufige Anlage ist nämlich ein wölfischer Themenpark geworden, der mit neuester und ältester Technik über die Vorfahren des Hundes informiert: Überall stehen Holzskulpturen der wilden Tiere in der Landschaft, und man erfährt alles über Wolfslegenden rund um den Globus, von Rotkäppchen bis zu mongolischen Mythen. Es gibt in adaptierten Ställen aber auch mehrdimensionale Projektionen auf neuestem Stand der Technik, die mit spektakulärem Dokumentarmaterial recht dramatisch vom Leben der unheimlichen Raubtiere erzählen.

Um dem Ruf der Wildnis zu folgen, muss man aber nicht unbedingt das alpine Hinterland von Nizza aufsuchen. Auch an der stellenweise doch recht arg zubetonierten Côte d'Azur selbst kann man sich zumindest im Tarzan-Schrei üben - nämlich in oder über den Baumwipfeln des Abenteuerparks von Villeneuve-Loubet, nicht einmal zehn Kilometer von Nizza entfernt.

In den Canyons des Flusses Loup (der ins Deutsche übersetzt nicht ganz zufällig "Wolf" heißt), hat man einen halben Wald und etliche Felswände zu einem Spielplatz für große und kleine Reserve-Tarzans bzw. Reinhold Messners umgebaut. In den teils überhängenden Felswänden gibt es gesicherte Klettersteige in mehreren Schwierigkeitsgraden. Vor allem aber sind etliche Bäume "verkabelt" worden, sodass man, mit Hüftgurt und zwei Karabinern gesichert, ziemlich hoch über dem Boden sich quasi durch den Wald schwingen kann.

Oder man kann sich auch ganz anders fortbewegen wie zum Beispiel auf einem an Seilen befestigten Surfbrett, zehn Meter über dem Waldboden. Buchstäblicher Höhepunkt der Anlage sind aber einige sehr lange Drahtseile - das längste misst mehr als 330 Meter -, an denen man sich mit einer Seilrolle einklinken und dann über die Baumwipfel hinweg ziemlich elegant durch die Gegend gleiten kann. Wenn man sich vorher aus Höhenangst oder anderen Gründen nicht in die Hose gemacht hat.

Johnny Weissmüllers Lianenakrobatik ist jedenfalls eher ein Lercherl dagegen. Villeneuve-Loubet hat aber auch noch ganz andere Attraktionen zu bieten: das Musée de l'Art Culinaire zum Beispiel, das im Geburtshaus von Auguste Escoffier eingerichtet wurde, dem Vater der modernen Kochkunst. Oder das mittelalterliche Schloss auf dem Hügel über der Kleinstadt, das sich immer noch im Besitz jener Adelsfamilie mit dem schönen Namen Panisse-Passis befindet, der praktisch die ganze Gegend rings um Villeneuve-Loubet gehört.

So auch der Flecken Erde, auf dem sich ein zweiter ganz neuer Klettergarten befindet, allerdings einer der ganz anderen eher kontemplativen Art. Genauer gesagt handelt es sich um ein Labyrinth, dessen Begrenzungen aus einigen Tausend Kletterpflanzen bestehen, die allerdings noch ein wenig wachsen müssen. Aber wie auch bei den Wölfen, so darf auch im Kletterpflanzenlabyrinth der Bildungsauftrag bzw. das Infotainment nicht mehr fehlen: An allen möglichen Stellen sind Quizfragen eingebaut, um zuerst so richtig hinein- und dann wieder hinauszugelangen. Bis jetzt gibt es die Fragen allerdings nur auf Französisch, sodass sich zumindest die nicht frankofonen Besucher auch ohne Kletterpflanzenwände wie in einem undurchdringlichen Irrgarten fühlen.

Anreise: Die Austrian Airlines fliegen täglich nach Nizza, der Flug dauert knapp zwei Stunden: www.aua.com oder Tel.: 0517-89
Unterkunft, Aufenthalt: Sehr umfassende Infos über die französische Riviera finden sich auch auf Deutsch unter www.guideriviera.com.
Allgemeine Infos: Das französische Fremdenverkehrsamt ist in Österreich unter at.franceguide.com erreichbar. Broschüren können ebenda unter Email oder Tel.: 0900 25 00 15 (0,68 Euro / Minute) bestellt werden.
Alphaloup: Alles über den Wolfspark (geschlossen vom 15. November bis 15. Dezember und im Jänner 2006) unter www.alpha-loup.com und über den Klettergarten unter www.canyonforest.com
Das Labyrinth von Villeneuve-Loubet hat noch bis zum 13. November geöffnet und dann erst wieder ab dem Frühjahr 2006: www.labyrinthus.com.
(Der Standard/rondo/04/11/2005)

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