Wenn Weglaufen nicht geht

11. November 2005, 14:18
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Wer den edlen, ritterlichen Zweikampf sucht, ist bei Krav Maga Maor völlig falsch: Die Selbst-Verteidigungs-Technik aus Israel lehrt, sich so zu wehren, dass es wirkt

Nein, gibt Irmengard Hanzal zu, im echten Leben habe sie das alles noch nie gebraucht. Nicht, seit sie es kann. Und der kleine Schatten, der da über ihr Gesicht huscht, verrät, dass sie über das, was sie mit "davor hätte ich es gebraucht" wegwischt, nicht unbedingt reden will. Aber darum geht es ohnehin nicht - oder vielleicht ja doch. Vielleicht gerade darum: "Selbstverteidigung", referiert die Kampfsportinstruktorin, "beginnt mit dem, was man ausstrahlt, nämlich sich wehren zu können und nicht von vornherein das verängstigte Opfer zu sein."

Das, betont Hanzal, gelte für jeden Kampfsport. Und auch für jene Blockseminare, die von Kriminalpolizei und Co für Frauen und Mädchen angeboten werden: "Einmal ist besser als nie. Das Bewusstsein, etwas zu wissen oder zu können, spiegelt sich in Körpersprache und Körperhaltung wieder. Und das kann entscheidend sein."

Darüber hinaus, betont die 37-jährige Wienerin, heiße die von ihr als erste Verteidigungstechnik empfohlene Methode immer: "Schuhe, mit denen man gut weglaufen kann". Und nur wenn das nicht geht, trete Plan B in Kraft. Plan B wird von Hanzal seit drei Jahren unterrichtet. Etwa 150 Aktive, sagt Hanzal kämen regelmäßig zu ihr zum Training. Tendenz steigend. Rund 40 Prozent der Anfänger seien Frauen - aber nachdem man die Basics in etwa drei Monaten gelernt habe, blieben dann doch eher die Männer übrig.

Plan B hat natürlich einen Namen:

"Krav Maga Maor". Und für Menschen, die bei Selbstverteidigung nicht an Kampfkunst - mit großem philosophischen Überbau - oder Kampfsport - im Sinne von Wettkampfsport - denken, ist das aus Israel stammende System eine echte Option: schnell erlernbar, effizient und ohne Brimborium, umreißt Hanzal - und muss dann selbst lächeln.

Denn natürlich steckt in der Betonung der Herkunft Koketterie: Ein kleines Land, von Feinden umgeben, mit einer Armee von geradezu mythischer Schlagkraft . . . und so weiter. Statt "fernöstlich" steht hier eben "Nahost" als Kultattribut im Folder. Und im Brain-Package das auf der Metaebene immer mit dabei ist.

Aber das war dann tatsächlich alles, was es da an "Überbau" gibt: In einem großen mit Matten ausgelegten Loft in einem ehemaligen Möbelhaus am Floridsdorfer Spitz lassen sich 30 Neulinge darin unterweisen, richtig - also so richtig-richtig - hinzuhauen. Und zwar dorthin, wo es wirklich - also so wirklich-wirklich - wehtut: "Wir konzentrieren uns auf Augen, Kehlkopf und Geschlechtsteile. Das genügt." Ein bisserl Aufwärmen, ein bisserl Vordehnen - und Vollgas: Schlagtechniken - auch - aus dem Boxen, Abwehrstellungen, die man etwa aus dem Win-Tsun kennt, Hebel und Würfe, die an Judo und Jiu-Jitsu erinnern, niedrige Tritte, die Taekwondokas bekannt vorkommen dürften, Stock- und Messerabwehr aus dem Hause Escrima - und so weiter. Und binnen Minuten spürt auch der sich bis dahin von Dingen wie "Schlagkraft" völlig verschont glaubende Novize, dass da doch einiges an Power in den vom Trainingspartner gehaltenen Schlagpolster hineinkracht.

Ganz nebenbei - und auch hier übernimmt Krav Maga Maor etwas, das andere predigen - mit pädagogischer Absicht: Wer weiß, was passieren kann, wenn er hinlangt (oder blöd schubst), überlegt sich das zweimal. Oder, wie Hanzal sagt, "wenn man weiß, was man kann, muss man es sich nicht beweisen. Da genügt es, aus der Situation herauszukommen, ohne zuzuschlagen. Und das Ziel ist immer, die Eskalation - also den Kampf - zu vermeiden."

Klingt bekannt...

... aber das Rad neu erfunden zu haben, behauptet hier auch niemand: "Krav Maga ist eine weiterentwickelte Melange der Essenz vieler Stile", referiert Hanzal. Und das hier jetzt fehlende "Maor" ist keine saloppe Verknappung: "Krav Maga" gibt es seit 60 Jahren. Und "Maor" steht für seine "zivile" Weiterentwicklung. Ammon Maor, Chefinstruktor der israelischen Grenzpolizei, hat vor zehn Jahren Armeeelemente aus dem System gefiltert. Denn Vollkontaktkampf mit Maschinenpistole oder Bajonett ist nichts für Zivilisten. Stattdessen lernen nun Kinder, sich mit Kugelschreibern, Schulbüchern oder einem Lineal zu wehren, und Hausfrauen und Kellner wissen plötzlich, was ein Zuckerstreuer oder ein Aschenbecher - auch - können. Klingt nicht edel. Ist es auch nicht - aber darum geht es nicht. Überhaupt nicht.

Und davor, richtig bewaffnet herumzulaufen, warnen schließlich Selbstverteidiger fast aller Disziplinen: Jede Waffe kann gegen ihren Besitzer eingesetzt werden. Pfefferspray - in Räumen oder Autos angewandt - setzt oft auch das Opfer außer Gefecht. Wenn man ihn überhaupt rechtzeitig aus der Tasche gekramt hat: Mit einem Elektroschocker in der Hand durch die Stadt zu wandern, dürfte eher überzogen sein - aber schon ein simpler Schlüssel in der Hand kann (verheerende) Wunder bewirken. Oder aber ein kurzer Alustab als Schlüsselanhänger. "Diesen Kubotan genannten Verteidigungsstick in der Hand zu halten, schadet sicher nicht - aber nur dann, wenn Weglaufen wirklich nicht mehr geht."
(Der Standard/rondo/04/11/2005)

Von Thomas Rottenberg

Link

www.kmma.at
  • Schlagkraftverstärker für Frauenhände: Der "Kubotan" - ein einfacher Schlüsselanhänger.
    foto: can

    Schlagkraftverstärker für Frauenhände: Der "Kubotan" - ein einfacher Schlüsselanhänger.

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