Gänseblümchen im Vormarsch

27. März 2006, 16:00
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Der Gesamtumsatz bei herkömmlicher Kosmetik stagniert, die Bio-Pflege dagegen boomt

Eines kann man Kate Moss wahrlich nicht vorhalten: Sie würde bei Kosmetikprodukten bedenkliche Inhaltsstoffe in Kauf nehmen. Frau Moss propagiert seit Jahren - ohne millionenschweren Werbeauftrag und aus purer Überzeugung - die Pflegelinie von Dr. Hauschka, dem Naturkosmetikhersteller aus deutschem Lande. Selbstverständlich auch in der Meadow Clinic in Arizona im Badezimmerschränkchen der prominenten Therapiewilligen: Die Rosencreme, hautberuhigend, mit Avocadoextrakt, frei von Gentechnik, synthetischen Duft- und Konservierungsstoffen - der Klassiker in der Gesichtspflege von Dr. Hauschka.

Madonna, Brad Pitt, Julia Roberts, Jerry Hall oder Cate Blanchett - allesamt treue Stammkundschaft der Öko-Kosmetik aus dem Schwäbischen. Die Marke Dr. Hauschka ist Kult in den USA, Amerika das wichtigste Exportland des anthroposophisch geprägten Unternehmens. Gefolgt von Großbritannien und der Schweiz - aber auch Österreich ordert laufend mehr Schönheits-Produkte aus dem biologisch-dynamischen Heilpflanzenanbau der deutschen Firma.

In 40 Ländern der Welt vertreibt Dr. Hauschka Bio-Pflege, der Gesamtumsatz 2004 bewegte sich um die 60 Millionen Euro, und auch das laufende Geschäftsjahr bringt ein neues, sattes Plus ,,im angenehmen zweistelligen Bereich", so die Geschäftsleitung. Ein Ende der Umsatzrekorde? Nicht in Sicht. ,,Naturkosmetik boomt. Und das freut uns natürlich", meint Christiane Creutzberg, Pressereferentin der Marke Dr. Hauschka, die zur Wala-Heilmittel GmbH gehört.

Bio ist Beautytrend Nummer eins...

... der Gesamtumsatz bei herkömmlicher Kosmetik dagegen stagniert. Laut Umfrage der Frauenzeitschrift "Brigitte" interessieren sich 50 Prozent aller Frauen für Naturkosmetik. Und das bei vergleichsweise bescheidenem Werbeaufkommen der Hersteller. Gefinkelte Marketingstrategie der Naturkosmetikbranche: der Hinweis auf Inhaltsstoffe in konventionellen Pflegeprodukten. Paraffine z.B. - synthetisch und aus Erdöl hergestellt - können Hautatmung und Feuchtigkeitsaustausch behindern, einige davon reichern sich sogar in Leber oder Niere an. Chemische UV-Filter beeinträchtigen schlimmstenfalls die Fruchtbarkeit; synthetische Tenside in Shampoo und Duschgel gelten als Auslöser für Hautirritationen. Künstliche Farbstoffe - besonders aromatische Amine - in Haarfarbe und Lippenstift können Krebs erregen, und der Chemikaliencocktail in Duftstoffen verursacht nicht selten Hautreizung oder gar Schwindel.

Nicht anders zu erwarten: schöne, heile Welt dagegen bei der Komposition von Bio-Schönheitspräparaten. Nur erlesenste Heilpflanzen - so die Selbstdarstellung - wandern in geflochtene Körbe, um später in lichtdurchfluteten Räumen sanft zu hochwertigen Essenzen und Ölauszügen verarbeitet zu werden: Pfefferminze aus den Anden, Damaszener-Rosen aus den Bergen der Türkei, alles handgepflückt, fair - und in gegenseitigem Respekt - gehandelt, Wundklee, blühendes Kraut der Gänseblümchen, schonend geschabte Rinde von Birken aus eigenem Anbau - Öko-Kosmetik besticht durch einfache Wirkstoffe und nachvollziehbare Rezepturen. Chemiefrei, politisch korrekt, gentechnisch unverändert. Nach vielen Jahrzehnten des Nischendaseins treffen Traditionsunternehmen wie Dr. Hauschka oder Weleda jetzt mit ihren Erzeugnissen haarscharf den Nerv der Zeit.

"Die Menschen gehen bewusster mit ihrer Gesundheit um und sind wesentlich kritischer bei Produkten, mit denen sie direkten Hautkontakt haben", erklärt Ingrid Reißner , Pressesprecherin von Weleda, dem weltweit führenden Naturkosmetikhersteller. Auffallend viele junge Leute gehören zur neuen Kundenschicht. "Die testen uns und bleiben dabei. Wer Naturkosmetik ausprobiert, spürt ganz einfach den Unterschied."

Der Umsatz der Weleda Gruppe...

... neben Kosmetika werden auch Arzneimittel produziert, stieg im vergangenen Jahr von 150,2 Millionen auf 160,8 Millionen Euro; das Zugpferd heißt "Körperpflegesegment". 1500 Mitarbeiter tragen weltweit zum Erfolg des Unternehmens bei, vor allem im Fernen Osten findet die Firmen-Philosophie "Im Einklang mit Mensch und Natur" immer mehr Resonanz. In allen größeren Städten Japans gibt's Weleda-Shops.

Aktueller Bestseller im Sortiment: das Birken-Cellulite-Öl mit Marillenkernöl. Eine Bio-Fachjury kürte das Anti-Orangenhaut-Mittel zum ,,Renner des Jahres", die deutsche Umweltministerin Renate Künast sprach von der "erfolgreichsten Produkteinführung 2005", und das deutsche Konsumentenschutzmagazin "Öko-Test" vergab die Note ",Sehr gut".

Bio-Beauty belegt Spitzenplätze bei der Untersuchung unabhängiger Einrichtungen wie "Stiftung Warentest" oder "Öko-Test". Analysiert wird der Verzicht auf "bedenkliche Inhaltsstoffe", "umstrittene Inhaltsstoffe", "problematische Duftstoffe" oder "billige Zusätze". Und weil mit der allgemeinen Zunahme von Hautirritationen und Allergien auch die Verunsicherung bei den Konsumenten steigt, beeinflusst ein "Gut" oder "Sehr gut" auf der recyclebaren und - mittlerweile aufgehübschten - Verpackung das Kaufverhalten der Leute enorm. Dass auch ganz natürliche Wirkstoffe wie Arnika, Bienenwachs oder Jasmin-Öl Hautreaktionen auslösen können, interessiert dabei wenig.

Konventionelle Kosmetik-Hersteller haben längst aufgehört, Öko-Pflege zu belächeln. Aktuelle Devise in der Welt der Beauty-Branche: Raus aus dem Chemielabor - rein in Wiese, Wald, Obst- und Gemüsegarten und rasch trendige Formeln finden. Kaum eine neue Produktpräsentation, die nicht mit Säften und Kräften aus der Natur "wahre Schönheit", "innere Balance" oder "Happy-Aging" bewirbt und mit dem Aufdruck "kontrollierte Herkunft der Pflanzen" das neue Bedürfnis der Kundschaft bedient.

Nur, wo "Bio" draufsteht, ist längst nicht überall eitel Wonne drin. Sondern oft nur ein paar Tropfen Pflanzen-Extrakt oder -Öl. Ungesetzlich ist das nicht, denn bis dato existiert keine europaweit gültige Richtlinie für "Naturkosmetik". Viele seriöse deutsche Hersteller wie Dr. Hauschka, Weleda oder Tautropfen (seit 2003 in der Börlind-Gruppe) behelfen sich mit dem Siegel "kontrollierte Naturkosmetik" des BDIH (Bundesverband Deutscher Industrie und Handelsunternehmen).

In Österreich definiert der heimische Lebensmittelcodex...

... welche Produkte die Bezeichnung "Naturkosmetik" rechtfertigen. Hersteller wie der Traditionsbetrieb Sanoll orientieren sich streng danach und lassen ihre Erzeugnisse von staatlich autorisierten Kontrollinstituten prüfen. "100 Prozent kontrollierte Bio-Qualität - vom Rohstoffeinkauf bis zur Endfertigung - lässt sich seriöserweise nur bei ganz wenigen Produkten garantieren", weiß Erwin Zauner, Geschäftsführer von Sanoll-Vertriebspartner "Gsund & Schön".

Deshalb steht auf Sanoll-Kosmetik: 92 Prozent, 73 Prozent oder 98 Prozent kontrolliert "Bio". Der Konkurrenz, die dabei weniger sorgfältig vorgeht, ist Zauner nicht wirklich gram: "Jedes Produkt findet den dazupassenden Kunden. Als Alleinstreiter fällst du ja gar nicht auf. Der Markt ist bunt, und das ist gut so."
(Der Standard/rondo/04/11/2005)

Immer mehr jüngere Menschen setzen auf Naturkosmetik, berichtet Carolin Giermindl
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