Deep Impact oder früherer, kleiner Bums

9. November 2005, 13:27
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Die Frage, warum die Dinos und drei Viertel anderer Lebewesen vor 65 Millionen Jahren ausgestorben sind, wird zum Krimi: Beweise verschwinden, neue Studien heizen den Forscherstreit an

Potsdam - Ein Geheimnis der Naturgeschichte wird immer mehr zum Wissenschaftskrimi: Die Frage, warum Dinos und drei Viertel aller anderen Lebewesen am Ende der Kreidezeit ausgestorben sind. Seit rund 25 Jahren meinen die meisten Forscher, der Einschlag eines gigantischen Meteoriten habe das Massensterben ausgelöst. Die Impact-Theorie gilt seither als ein Beweis dafür, dass die Evolution von plötzlichen Katastrophen auf neue Bahnen gelenkt werden kann, nicht immer eine kontinuierliche Entwicklung sein muss. Aber stimmt sie?

Die Geschichte begann, als in den 1970ern weltweit große Mengen Iridium in Ablagerungen aus der Ära des Sauriersterbens entdeckt wurden. Anders als auf Erden kommt Iridium in Meteoriten häufig vor: ein Hinweis auf eine kosmische Bombe. In den 1990ern fand man in Mexiko nahe der Mayasiedlung Chicxulub einen passenden Krater. Sein Alter von 65 Millionen Jahren stimmte perfekt mit dem Exitus überein. Beim Impact herausgeschleuderte Asche und Staub sollen die Erde jahrelang verdunkelt haben: mit tödlichen Klimafolgen.

Doch es kamen Zweifel auf. Deshalb bohrte das Geoforschungszentrum Potsdam den Krater ab 2002 an, förderte Ablagerungen aus 150 Millionen Jahren zutage, veröffentlichte die Analysen jüngst in Meteoritics and Planetary Science. Dann ging der Streit los.

Stein des Anstoßes waren 85 Zentimeter Sediment, die direkt über dem vom Meteoriten zertrümmerten Impact-Gestein in 800 Meter Tiefe liegen. Darin zeigt sich, was direkt nach dem Crash geschah. Anhänger der Impact-Theorie machen dort Ablagerungen einer Riesenwelle aus, die nach dem Einschlag in den Krater schwappte - die Bombe aus dem All knallte in den Ozean, die Region war zur fraglichen Zeit vom Meer überflutet.

Geoforscher Gerta Keller (Princeton), Thierry Adatte (Neuchâtel) und Wolfgang Stinnesbeck (Karlsruhe) hingegen sehen darin Spuren steter Ablagerungen, etwa Bauten von Würmern und Tonminerale, die Zeit zum Entstehen brauchen. Zudem wollen sie Schalen von Foraminiferen entdeckt haben. Diese aber sind mit den Dinos ausgestorben - dürften dort also gar nicht sein. Folglich müsse es 300.000 Jahre vor dem Ende der Kreidezeit gekracht haben.

Geologe Jan Smit (Amsterdam), ein Begründer der Impact-Theorie, hält die Foraminiferen jedoch für Dolomitkristalle, die neuen Interpretationen für falsch. Doch nicht nur die Ablagerungen über dem Impact-Gestein, auch jene darunter erhitzen die Gemüter. Impact-Anhänger machen dort vom Einschlag zerrüttete Schichten aus, Gegner finden stattdessen Indizien für ungestörte Verhältnisse.

Stimmt die These von Keller und Kollegen, müsste der Meteorit viel kleiner gewesen sein als behauptet wird. Kann er dann noch zu einem Massensterben geführt haben?

Viele Forscher bewerteten diese Darstellung als "absurd" oder "blödsinnig". Vor einigen Tagen sollte ein Artikel in Geology den Streit entscheiden. Forscher um Laia Alegret (Zaragoza) fanden in Ablagerungen auf Kuba - rund 1000 Kilometer entfernt vom Chicxulub-Krater - Hinweise dafür, dass doch besagter Meteorit das Dinozeitalter beendete. In Sedimenten aus dieser Zeit entdeckten sie von einem Meteoriten zertrümmertes Gestein, das sich mit untermeerischen Lawinen abgelagert hatte: Trümmer aus Chicxulub.

Ungenaue Datierung

In E-Mails an die Fachwelt zerpflückte Gerta Keller die neue Arbeit: Die Zeit der Ablagerung sei fraglich, die Mikrofossilien ließen nur eine ungenaue Datierung zu, es bleibe eine Unsicherheit von mehreren hunderttausend Jahren. E-Mails ihrer Kontrahenten folgten. Smit warf ihr grobe Fehler vor. Auch Alegret et al. ließen kein gutes Haar an Keller.

Beide Seiten hoffen nun, mit einer weiteren Bohrung im Chicxulub-Krater den Streit zu entscheiden, das Geld dafür ist schon beantragt. Und hätte eigentlich gespart werden können. Denn im Keller des Geologischen Museums der Universität Mexiko lagern acht Bohrkerne aus dem Chicxulub-Krater. Einer enthält einen Meter gut datierbares Sediment direkt oberhalb des Impact-Gesteins und könnte klären, wann genau der Meteorit eingeschlagen ist. Zu dumm nur, dass just dieser Meter nun verschwunden ist. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 03 11. 2005)

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