Sanitäter bei Psychosen ungeschult

6. Dezember 2005, 09:18
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Ausbildner der Wiener Rettung nehmen Sanitäter in Schutz - Polizei übte "wie man einen Richter anspricht"

Sechster Prozesstag zum Erstickungstod von Seibane Wague. Ausbildner der Wiener Rettung nehmen die angeklagten Sanitäter in Schutz: Bei Gefahr müssen sie nicht einschreiten. Über psychotische Patienten müssen sie nichts wissen. Zivilcourage ist reiner Luxus.

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Wien – Die Verteidiger haben ihre Mandanten nunmehr mit Trotz wie in der Schulzeit auf die Anklage eingestellt: Was im Unterricht nicht durchgenommen wurde, kann bei der Prüfung nicht verlangt werden. Die Prüfung – hier unterscheiden sich Sanitäter von Schülern – fand in der freien Wildbahn von amtshandelnden Polizisten und einem tobend psychotischen Patienten statt. Während der Notarzt abseits auf bessere Zeiten wartete, stellten die Sanitäter Knie und Füße zur Verfügung, um den Mauretanier Seibane Wague im Stadtpark in dauerhafte Ruhelage zu versetzen. Dass er dabei erstickte, tut ihnen schrecklich Leid. Aber so etwas hatten sie vorher nicht durchgenommen.

"Omofuma?", fragt der Ausbildungsleiter der Wiener Rettung irritiert. Omofuma? Sollte er diesen Namen schon einmal gehört haben? – Richter Gerhard Pohnert, sonst ein bewundernswert geduldiger Prozessleiter, kneift die Augen zusammen, ihm fehlt an dieser Stelle offenbar nur noch ein falsches Wort. Doch der Zeuge nützt die Nachdenkpause für einen Geistesblitz: "Omofuma? War das der Mann mit dem zugeklebten Mund, der damals im Flugzeug (. . .)?" Tatsächlich, er war es. Er starb im Mai 1999 an den Folgen seiner Abschiebung.

Psychisch Auffällige kommen im Unterricht nicht vor

Die Zeugen von der Wiener Rettung geben eine an Eindeutigkeit nicht zu überbietende Antwort auf die Frage, welche Lehren man aus dem Erstickungstod des Schubhäftlings gezogen hatte: keine. Auch danach wurden angehende Sanitäter in ihrer Ausbildung nicht über die Gefahren in Kenntnis gesetzt, die sich für tobende Patienten ergeben können, wenn sie geknebelt, gefesselt oder in Bauchlage fixiert werden. "Der Transport von psychisch Auffälligen kommt im Unterricht nicht vor, der Tobende wird nicht gelehrt, wie man den betrachtet", erklärt der Rettungsbeamte. "Einen Patienten, der gefährlich sein könnte, den greifen wir primär nämlich gar nicht an", begründet er. Und noch ein Beispiel: "Wenn jemand im kalten Wasser treibt, darf ich von einem Sanitäter nicht verlangen, dass er hineinspringt."

Nothilfe ist erlaubt

Das kann Alfred Kaff, der Chefarzt der Wiener Rettung, nur bestätigen: "Nothilfe und Zivilcourage sind natürlich zugelassen, eine Verpflichtung habe ich daraus aber nie abgeleitet." Das sei auch ein bisschen eine Kosten-Nutzen- Rechnung: "Bei einer Gefahrenzulage von 350 Schilling im Monat stehen zwei gebrochene Arme, die wir heuer schon bei den Sanitätern gehabt haben, und Infektionskrankheiten nicht dafür." – Was nicht heißt, dass die Ausbildung zufrieden stellend sei: Es werde viel zu wenig erste Hilfe unterrichtet, dafür aber üppig Rechtskunde, "wo sie gleich einmal den Unterschied zwischen Kündigung und Entlassung lernen".

Was den angeklagten Notarzt betrifft, so dürfe man nicht so streng sein. "Ich glaube, in dem Anlassfall hat er nicht erkannt, dass es sich um einen Reanimationsfall gehandelt hat", meint der Chefarzt. Der "lagebedingte Erstickungstod", an dem Seibane Wague laut Gutachten gestorben ist, werde in den Notarztkursen eben "nicht im Speziellen unterrichtet", gesteht der Zeuge. Ihm selbst sei er vor dem Sommer 2003 auch noch nicht "in dem Maße" bewusst gewesen.

Polizei übte "wie man einen Richter anspricht"

Heute sind die Gutachter am Wort, am Freitag sollen die Urteile gesprochen werden. Der vorletzte Tag des Beweisverfahrens endet mit skurrilen Auftritten. Ein Polizeibeamter und ein Chefinspektor sollen erklären, was sie sich dabei gedacht haben, sämtliche Prozesszeugen vorweg zu einer "Besprechung" einzuladen. "Wir haben Verhaltensmaßnahmen vor Gericht und Ausbildungserlässe erörtert", gibt der Inspektor freimütig zu: "Ich glaube, der Eindruck wäre schlecht gewesen, wenn sich keiner an nix mehr erinnern kann." Auch "wie man einen Richter anspricht", sei trainiert worden. – "Wie in einem schlechten Film", bemerkt der Richter. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 3.11.2005)

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    Entlastungswellen im Großen Schwurgerichtssaal. Zeugen von der Rettung stellen sich hinter die wegen fahrlässiger Tötung angeklagten Sanitäter.

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