Die Unigebäude-Wissenschaft

20. März 2006, 12:04
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Ausgerechnet dort, wo "Weltklasse" vermittelt werden soll, fällt der Verputz ab - Ein Kommentar von Karin Moser

Wären die Universitäten Mieter im herkömmlichen Sinn, hätten sie sich wohl längst an die Mietervereinigung gewandt. Ist man dort Mitglied, übernimmt der Verein die Kosten eines Außerstreitverfahrens durch alle Instanzen - ein Service, das bei der Mehrzahl der desolaten Unigebäude gerade recht käme.

Denn gebäudetechnisch befinden sich die heimischen Hochschulen seit Jahren im Ausnahmezustand. Mit Einführung des Universitätsgesetzes 2002, dem Ankauf der Gebäude durch die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) und deren Weitervermietung an die Hochschulen wurde die Ausgangslage dann auch noch kurios: Wenn der Mieter "Uni" heute auf die Einhaltung der Hausherrenpflichten pocht, hilft es ihm wenig, sich mit dem Eigentümer BIG an einen Tisch zu setzen.

Ansprechpartner sind seit der Entlassung in die so genannte Teilrechtsfähigkeit das Finanz- und das Bildungsministerium, die in zähen Verhandlungen ein Budget sicherstellen sollen, das es den Unis ermöglicht, sich auch nach erfolgter Generalsanierung die Miete für ihre Unterkunft zu leisten.

Und genau hier spießt es sich jetzt: Während Grasser und Gehrer plötzlich Verständnis signalisieren, dass die Unis in ihrer derzeitigen Verfassung (auch) substanziell sanierungsbedürftig sind, bleibt die Zusage der dafür benötigten Mittel (laut Berechnungen von Bildungsministerium und Rektorenkonferenz 600 Millionen Euro) weiter offen. Bis Jahresende sollen die Budgetverhandlungen abgeschlossen sein, aber selbst dann wird es bis zur Durchführung der Umbauarbeiten Jahre dauern.

Denn der laufende Uni- betrieb will aufrechterhalten, die Prioritätensetzung unter den 23 baufälligsten (von ursprünglich 230) Häusern ermittelt werden. Logistisch wie finanziell eine Herausforderung für alle Beteiligten. Überlegungen zu Absiedelung und Neubau einzelner Fakultäten sowie ganzer Universitäten noch gar nicht mitgerechnet.

Eile war aber ohnehin nicht zu erwarten. Denn die bautechnischen Mängel der Universitäten (allein an der Uni Innsbruck sind es über 16.000 Mängel) sind ja nicht von heute auf morgen entstanden. Die Probleme waren bereits evident, als die Unis noch in der Obhut des Bundes waren. Verwaltet wurden sie übrigens auch damals schon von der 1992 gegründeten BIG.

Solange jedoch niemand persönlich haftbar gemacht werden konnte, bestand eben wenig Handlungsbedarf. Wen kümmern Verschleißerscheinungen, wenn es keinen gibt, der in letzter Konsequenz dafür gerade stehen muss? Hauptsache, den Bauordnungen der frühen 60er- und 70er-Jahre wurde entsprochen.

Heute haftet der einzelne Rektor, sollte an seiner Hochschule etwas passieren. Und die Uniwelt sieht plötzlich ganz anders aus. Natürlich nicht für Lehrende und Studierende: Die müssen seit Jahren "Weltklasse" unter Substandardbedingungen erbringen. Und das liegt nicht nur an der räumlichen Ausstattung der "Weltklasseunis". Geändert hat sich das Interesse der Hochschulleiter für die Thematik. Seit Arbeitnehmerschutzbestimmungen penibel genau die Breite von Fluchtwegen oder die Höhe von Stiegengeländern regeln, macht man sich auch über leicht brennbare Plastikfußböden, Toiletten ohne Waschbecken oder tropfende Decken seine Gedanken.

Versichern will die desolaten Forschungseinrichtungen wohl ohnehin niemand. Bei der BIG rechnet man sich dennoch Versicherungsverträge für einzelne Unigebäude aus, die Unirektoren wollen ihre Sicherheit mittels Haftungsaussetzung erreichen. Die Einzige, die allerdings wirklich von Anfang an auf Nummer sicher gegangen ist, ist Bildungsministerin Elisabeth Gehrer: Gemäß dem Motto "Schwubbs und weg in die Autonomie" hat sie ihre Verhandlungsposition wesentlich verbessert.

Dass für einen gelungenen Start in die Selbstständigkeit die substanzielle Basis der Unis stimmen muss, hat sich bis zum Minoritenplatz noch nicht durchgesprochen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2005)

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