Alte Dokumente gegen aktuelle Ängste

9. November 2005, 13:13
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Die Ausstellung "Migrationen 1500-2005" im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Im frühen 18. Jahrhundert kam in Salzburg ein Erzbischof ins Amt, der es mit den Protestanten besonders streng meinte. Die religiöse Minderheit hatte einen schweren Stand. Viele dachten an Auswanderung. Eine Asylgesetzgebung existierte noch nicht.

Wie gerufen kam in dieser Situation ein "Einladungspatent" aus Preußen, das den Protestanten im Jahr 1732 eine Perspektive eröffnete. Im dünn besiedelten Ostpreußen konnten sie ein neues Leben anfangen. Wie sehr sie willkommen waren, erhellt sich aus der Tatsache, dass ein Hofmaler eigens die zugewanderten Bürger in Öl verewigte. So hängt nun das Bild Ein alter Salzburger in der aktuellen Ausstellung Migrationen 1500-2005 des Deutschen Historischen Museums.

Während Österreich sich jetzt schon auf einen Ausländerwahlkampf einstellt, zieht eine deutsche Kulturinstitution ihren eigenen Schluss aus den langwierigen Verhandlungen um das Zuwanderungsgesetz in Deutschland, aus dem CDU/CSU so viel wie möglich hinausreklamierten, was nach Migration aussah, und eine Menge dazuschrieben, was nach leitkultureller Pädagogik riecht. Das Deutsche Historische Museum in Berlin landet mit dieser Ausstellung einen Treffer, kommentiert sie doch unausdrücklich ein Gesetz, das noch unter der rotgrünen Regierung, aber eigentlich schon unter den Bedingungen einer großen Koalition zustande gekommen war. Der lange Beobachtungszeitraum von fünf Jahrhunderten eröffnet dabei Perspektiven, die über den aktuellen Ängsten vor Billigarbeitern und Produktionsverlagerung auch von den Politikern gern vergessen werden.

Deutschland war in der Boomphase des späten 19. Jahrhunderts ein "Arbeitseinfuhrland", woraus erst sich 1909 ein Gesetz über den "Inlandslegitimierungszwang" ergab. Die von Rosmarie Beier-de Haan konzipierte Ausstellung enthält folgerichtig zahlreiche Ausweisdokumente und deren Vorformen.

"Rattelbinder"

Anders als man vielleicht meinen könnte, war es auch in den Zeiten einer noch unausgeprägten Staatlichkeit keineswegs leicht, sich in Europa zu bewegen. Je kleiner die Gemeinwesen, desto ausführlicher waren die "Diebs- und Gaunerlisten", in die mit den erkennungsdienstlichen Methoden der frühen Neuzeit alle bekannten Vaganten, aber auch mancher harmlose "Rastelbinder" (sprich: mobiler Reparierdienst für Töpfe und Kannen) eingetragen wurden.

Geordnet verlief hingegen der Austausch der "Schwabenkinder", die von den Höfen armer Bauern stammten, und auf einem Markt in Ravensburg als Saisonarbeiter angeboten wurden. Zu Martini im November durften sie heimkehren, meist neu eingekleidet, mit dem Ersparten in der Tasche. Viele dieser Arbeitsnomaden sind regional gut zuordenbar: Die lippischen Ziegler schwärmten regelmäßig nach ganz Europa aus, die "Ruhrpolen" durchquerten Deutschland, um in den Kohlerevieren unter Tag zu gehen. Die Juden bekamen von diesen Wanderbewegungen das allgemeine Ressentiment ab.

Wie schnell die Stimmung umschlagen konnte, zeigen zwei Momente aus der Bundesrepublik Deutschland. 1972 noch wurde der 500.000. Gastarbeiter feierlich begrüßt. Er trägt einen Schnurrbart und einen Plastiksack mit der Aufschrift "Lord Extra". Ein Jahr später verhängte Westdeutschland einen Anwerbestopp. Die Ausstellung Migrationen 1500-2005 zielt nicht auf politische Lösungen. Sie macht aber deutlich, dass bei der Abwägung zwischen der notwendigen Steuerung von Wanderungen und der ideologischen Abschottung das Thema umso virulenter wurde, je autoritärer sich die aktuelle Regierung verstand.

Wo die Nachfahren des alten Salzburgers von 1732 heute leben, ist unbekannt. Vielleicht engagieren sie sich gerade in Berlin für ein Zentrum gegen Vertreibungen. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 03 11. 2005)

Link

"Migrationen 1500-2005"

Die Ausstellung läuft bis 12. Februar 2006
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