Eisenkugeln aus dem Hochhaus

4. November 2005, 12:07
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Nach der sechsten Krawallnacht in den Vorstädten im Nordosten von Paris wirkt Frankreichs Regierung zunehmend hilflos: Chirac rief die randalierenden Jugendlichen zur Ruhe auf

Am schlimmsten seien die Pétanque-Kugeln, meint ein Feuerwehrmann in Aulnay-sous-Bois nordöstlich von Paris. In der Wohnsiedlung mit dem nüchternen Namen "Cité des 3000" lieferten sich ein paar Dutzend vermummte Jugendliche und schwer ausgerüstete Anti-Krawall-Polizisten in der Nacht zu Mittwoch ein stundenlanges Gefecht.

Die Straßenbeleuchtung war ausgegangen, und im Schein brennender Autos und Mülltonnen hielten die berüchtigten CRS-Gendarmen wie einst die römischen Legionen die Schilder über ihre Köpfe, um sich vor Wurfgeschoßen aus den umliegenden Wohntürmen zu schützen. Aber eben: Gegen eine Pétanque-Eisenkugel aus dem zehnten Stockwerk ist auch ein Plastikschild nicht gefeit, meinte der daneben stehende Feuerwehrmann lakonisch.

Solche und ähnliche Szenen wiederholen sich in der Zehn-Millionen-Agglomeration von Paris seit vergangenem Freitag, als sich zwei Minderjährige in Clichy-sous-Bois vor der Polizei in ein Transformatorhäuschen (siehe Kasten) flüchteten und dabei durch Stromstöße getötet wurden. In Clichy brachten am Mittwoch mehrere Hundert CRS-Polizisten die Lage unter Kontrolle. Dafür sprang der Funke auf Gemeinden in allen fünf Départements um Paris über. Auch in sonst eher ruhigen Orten kam es erstmals seit Jahren wieder zu Krawallen, und die Polizei verhaftete nach Angaben von Innenminister Nicolas Sarkozy insgesamt 34 Jugendliche.

In Paris rief Staatspräsident Jacques Chirac erstmals zur Ruhe auf. "Die Geister müssen sich besänftigen", ließ er durch einen Regierungssprecher verlauten. "Die Gesetze müssen hart, aber auch im Sinne des Dialogs und Respektes angewendet werden." Der Schluss der Bemerkung richtete sich an Sarkozy selbst, der in letzter Zeit mit geharnischten Ausdrücken dem "Gesindel" und den "Gaunern" in der Banlieue den Kampf angesagt hatte.

Die Linksopposition verwandte sich am Mittwoch in der parlamentarischen Fragestunde gegen jede demagogische Rhetorik. Premierminister Dominique de Villepin verschob den Abflug zu einer Kanada-Reise um einige Stunden, um in der Nationalversammlung selbst in die Debatte eingreifen zu können. Er kündigte an, die Polizei werde hart bleiben, doch wolle die Regierung gleichzeitig alles unternehmen, um jede Form von Diskriminierung zu bekämpfen.

Der Regierungschef billigte Sarkozy in einem Nebensatz zu, er habe eine "schwere Aufgabe". Wie Chirac stellte er sich aber nur sehr halbherzig vor seinen Innenminister - seinen internen Widersacher vor den Präsidentschaftswahlen 2007. Im Gegenteil - Villepin empfing demonstrativ den Minister für Chancengleichheit, Azous Begag, der aus Algerien stammt, in der Banlieue von Lyon aufgewachsen ist und Sarkozys Wortwahl scharf kritisiert.

In der Banlieue bleibt Sarkozys politische Isolierung bis ins eigene Regierungslager natürlich nicht verborgen. Die wahlpolitischen Querelen in den Pariser Palästen wirken auf viele Immigrantenkinder nur wie ein zusätzlicher Anreiz, sich mit den Ordnungskräften anzulegen. Den sozialen Beteuerungen Villepins vor der Nationalversammlung schenken sie sowieso längst keinen Glauben mehr. Wie sollten sie auch: Das soziale Elend in den französischen Vorstädten ist das gleiche wie vor 30 Jahren. Dazu zählt in erster Linie die Jugendarbeitslosigkeit, die in vielen Immigrantenquartieren bis zu 30 Prozent beträgt.

Das Getto zu verlassen und in der französischen Gesellschaft Aufnahme zu finden ist aber nach wie vor kaum möglich, wenn man Mohammed oder Yasmina heißt: Wie ein Absolvent der prestigereichen Tiefbauschule Ponts et Chaussées am vergangenen Wochenende einem konsternierten Fernsehpublikum erzählte, waren unter den 1200 Studienabgängern seines Jahrganges nur "weiße" Franzosen - aber kein einziger "Beur" (Maghrebiner) oder Schwarzer.

In der französischen Nationalversammlung, die am Mittwoch so engagiert über das Los der Banlieue-Quartiere debattierte, sitzt ebenfalls kein einziger "farbiger" Abgeordneter - wenn man von den Deputierten der französischen Überseegebiete absieht. Kein Wunder, dass die Jugendlichen in den Wohntürmen der Vorstadtwüste gar nicht mehr erst hinhören, wenn im Parlament eine entschlossene Förderung der Banlieue-Jugend verlangt wird. Also rufen sie alle paar Jahre mit Molotowcocktails und Pflastersteinen in Erinnerung, dass sie von den bisherigen Fördermitteln bisher nichts gespürt haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2005)

Von Stefan Brändle
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    Die gleichen Szenen in mehreren Vororten von Paris: In Aulnay-sous-Bois steckten wütende Jugendliche in der Nacht zum Mittwoch Autos in Brand.

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    Der Tag danach in Sevran: Jugendliche posieren auf ausgebrannten Autos. Untertags ist die Situation unter Kontrolle, am Abend gehen die Randalierer auf die Straßen.

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