Die Unruhe vor dem Guss

10. November 2005, 15:15
2 Postings

Die Akademie der bildenden Künste zeigt das "Frühwerk" Bruno Gironcolis

... Arbeiten aus der Zeit von 1964 bis zu dessen Ernennung zum Professor 1977. Eine seltene Gelegenheit, Gironcoli pur zu erleben, die Komponenten der Werke isolieren zu können.


Wien - Unter "frühe Arbeiten" muss man sich bei Bruno Gironcoli zunächst jene vorstellen, die kaum je wer zu Gesicht bekommen hat. Zum einen deshalb, weil sich Ausstellungsmöglichkeiten für die stets ausufernden Skulpturen erst in den letzten Jahren in einer bescheidenen Häufigkeit boten, zum anderen deshalb, weil Gironcoli die Halden in seinem Atelier in der Wiener Böcklinstraße - er hat es 1977 samt Meisterklasse von Fritz Wotruba übernommen - stets auch als Fundus für Neues begriffen hat: als wüsten Setzkasten, der immer wieder Material genug bot, neue "Mutterschiffe" zu konstruieren. Neben diesem Schwund durch die eigene Produktion haben Gironcolis "frühe Arbeiten" wohl auch darunter gelitten, dass der österreichische Meister der forcierten Eigenwilligkeit sich nie die Zeit genommen hat, einen sentimentalen Blick auf seine eigene Vergangenheit zu werfen, und Raum wie Geld immer knapp genug waren, das Lager eben nicht in Ordnung zu halten.

Das wohl bekannteste Objekt dieser Tage ist "Murphy", ein Polyestergebilde, das einem gebückten Torso gleicht. Bis heute taucht diese Grundform in Gironcolis mittlerweile gegossenen und aller Grate und Kanten bereinigten Skulpturen auf.

Aber: "Immer wieder bin ich auf dieses Modell gestoßen und habe auch in der Zähigkeit dieses Verfolgens immer wieder neue Dimensionen menschlicher Kategorien oder Darstellungskategorien entwickeln können. Diese Form ist nicht konstant und nicht dasselbe geblieben, obzwar der Grundkontext nach wie vor derselbe ist. Ich mache heute noch solche Figuren, sie haben immer denselben Grundkontext."

Nur: Wo früher seine Torsi mit ausgestopften Hunden, abgebrauchten Plattenspielern, diversem Installationsmaterial, Drähten und Spulen zu Assemblagen zueinander fanden, die keine Rücksicht auf das Material selbst nahmen, sich bloß dessen Form aneigneten, ist heute alles aus einem Guss. Idealerweise ist alles miteinander in Aluminium oder Bronze verschmolzen, oder - konnte das bislang noch nicht realisiert werden - es tut auch ein Überzug aus Gold- oder Bronzelack.

In der Akademie am Schillerplatz bietet sich nun aber die seltene Gelegenheit, Bruno Gironcolis Welt pur vorgeführt zu bekommen und damit die Arbeiten mehr als Stücke, als zu Teilhabe auffordernde bzw. der Teilschuld bezichtigende Inszenierungen zu erleben. Und da kommt Gironcolis Vertrauen auf suggestive Wirkungen, da kommt sein Mischverhältnis von subtilem Witz, fremdbestimmter Ohnmacht und der Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einem Sein ohne jede Verantwortung bisweilen viel unmittelbarer zu tragen.

Die Anweisungen

Und: Die Akademie verzichtet - im Gegensatz zu Kasper Königs Gironcoli-Personale anlässlich der Biennale von Venedig 2003 - nicht auf Auszüge aus dem grafischen Werk, das durchaus die pädagogischen Züge von "Handlungsanweisungen" oder Spurensicherungen in sich trägt.

Jedenfalls bietet die Grafik die Möglichkeit, tiefer in Gironcolis forciert subjektiven Ikonografie-Mix aus Faschismuszitaten, utopischem Eingedenken, kultischem Handeln, sadistischer Praxis und verschämtem Lustempfinden einzudringen. Auf dass die fremde Ordnung der Trauben, Kornähren, Edelweißblüten, Hakenkreuze, Embryonen, Klomuscheln, Besen und Madonnen ein Stück näher rückt, die Abgründe der Dingwelt anschaulicher werden.

Die Arbeiten sind im Zustand der Vorruhe, deren Komponenten schon zusammengeführt, aber noch nicht verschmolzen; noch als individuell - und damit verantwortlich - wahrzunehmen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2005)

Von
Markus Mittringer

Bis 11. 12.

  • Als Bruno Gironcoli noch nicht alles mit einer glänzenden Haut überzog: Detail aus einer zwischen 1970 und 1972 entstandenen Materialassemblage.
    foto: galerie hofstätter

    Als Bruno Gironcoli noch nicht alles mit einer glänzenden Haut überzog: Detail aus einer zwischen 1970 und 1972 entstandenen Materialassemblage.

Share if you care.