"Corpse Bride": Puppenkino eines (Alb-)Träumers

2. November 2005, 17:59
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US-Regisseur Tim Burton im Interview über seinen düster fantastischen Trickfilm "Corpse Bride"

Ein unglücklicher junger Mann findet sich im Reich der Toten wieder, wo sich eine gespenstische Braut in ihn verliebt: Mit dem Trickfilm "Corpse Bride" zündet US-Regisseur Tim Burton ein Feuerwerk düsterer Fantasie. Dominik Kamalzadeh sprach mit ihm.


STANDARD: Sie hatten mit Filmen wie "Sleepy Hollow" oder "Charlie and the Chocolate Factory" viel Erfolg in den letzten Jahren. Haben Sie sich daran schon gewöhnen können?

Tim Burton: Ich betrachte Erfolg vor allem als Möglichkeit, beim nächsten Projekt wieder ganz etwas anderes zu versuchen. Das ist der wirklich große Vorteil daran. Aber es gibt auch immer ein Auf und Ab. Erfolg gleicht einer Wellendynamik. Zuletzt hatte ich Glück, und ich konnte Filme verwirklichen, die ich wirklich gerne machen wollte. "Corpse Bride" ist ein Projekt, das ich leidenschaftlich verfolgt habe. Oft gleicht das Filmgeschäft ja nur irgendeinem gewöhnlichen Geschäft, aber hier kam ich mir endlich wieder wie ein Künstler vor.

STANDARD: Animationsfilme gehören momentan zu den lukrativsten im Filmgeschäft. Allerdings nicht unbedingt Stop- Motion, sieht man von "Wallace & Gromit" ab.

Burton: Jeder Film bleibt irgendwo ein Risiko. Ich habe schon oft Arbeiten realisiert, von denen viele meinten, sie seien wirklich eine schlechte Idee. Aber ich entwickle dabei so eine eigenartige Energie, ich glaube, ich habe einen perversen Sinn für Herausforderungen. Ed Wood beispielsweise war einer meiner persönlichen Favoriten, aber finanziell das größte Desaster. Und dennoch: Es gibt da so eine seltsame Balance in meinem Werk ...

STANDARD: War "Ed Wood" nicht auch als eine Art Rache am formelhaften Film der Gegenwart geplant?

Burton: Ich betrachte das nicht als Racheakt. Man muss das Filmgeschäft ein wenig positiver sehen. Ich durchlebe so viele emotionalisierte Phasen während eines Drehs, dass es besser ist, nicht zu negativ zu denken, sonst würde man ja Depressionen bekommen.

STANDARD: Wie bei "The Nightmare Before Christmas" haben Sie in "Corpse Bride" mit einem Koregisseur gearbeitet. Wie sieht das in der Praxis aus?

Burton: Bei "Nightmare" war die Zusammenarbeit anders. Da hatte ich den gesamten Film selbst designt, die Grundidee entsprach ganz meiner Vorstellungswelt. Bei "Corpse Bride" ging die Idee nicht so stark auf meine Überlegungen zurück. Es war zudem mehr ein organisches Projekt – ich wollte nicht für jeden Bereich voll verantwortlich sein. Mike Johnson hat das sehr gut übernommen.

STANDARD: Das überrascht, denn man hat den Eindruck, einen sehr typischen Burton-Film zu sehen, auch wenn er auf einem Märchen basiert.

Burton: Das Märchen war eigentlich nicht so bedeutend – ich habe mich auch nicht sehr darin vertieft. Es war mehr die Figur der untoten Braut und des melancholischen Helden, die sich mir ins Gedächtnis brannte. Die historischen Hintergründe waren mir nicht wirklich wichtig, mir ging es darum, aus dem Medium eine sehr emotionelle Liebesgeschichte zu machen. Dabei hatte die Stop-Motion-Technik den Vorzug, dass man die Figuren wie Schauspieler besetzen kann. Ich erinnere mich, dass wir es zuerst auf dem Computer ausprobiert haben, aber es fühlte sich nicht richtig an.

STANDARD: Worin war die Stop-Motion-Technik dem Computer denn überlegen?

Burton: Es liegt wohl an der handgemachten Qualität. Man hat die Gelegenheit, zu sehen, wie Puppen zusammengebaut werden und wie Menschen Sets und Lichter einsetzen, um eine Welt zum Leben zu erwecken. Man sieht hier ständig Künstlern bei der Arbeit zu und hat nicht mehr den Eindruck, nur Teil der Filmindustrie zu sein. Es ist eine geradezu altmodische und zeitlose Kunst, mit einer Qualität, die ich in keiner anderen Form der Animation finden kann. Schauspieler haben es ja auch lieber, in realen Sets zu arbeiten, als den ganzen Tag vor Bluescreens zu stehen.

STANDARD: Das klingt wie eine Lobrede auf die Rettung der Wirklichkeit durch den Film ...

Burton: Was wiederum interessant ist, denn viele meinen jetzt, "Corpse Bride" würde computeranimierten Trickfilmen ähnlich sehen. Aber der Produktionsprozess ist im Grunde derselbe wie zu Beginn des Kinos, insofern hätte der Film auch vor geraumer Zeit gemacht werden können.

Es ist wie bei Live-Action-Filmen: Wenn man in einem alten James-Bond-Film einen Stunt sieht, ist das nicht dieselbe Szene wie in einem computergenerierten Film, der nie realistisch, sondern nur realitätsähnlich ist. Es geht einfach darum, die richtige Form der Animation für die richtige Geschichte zu finden. Wir haben längere Einstellungen verwendet, viele Großaufnahmen – wir haben letztlich versucht, ein wenig wie mit realen Darstellern zu arbeiten.

STANDARD: Ist es für Sie heute leichter geworden, die eigenen Projekte durchzusetzen?

Burton: Früher, als ich Filme wie "Beetlejuice" und "Batman" fertig hatte, dachte ich, es wird leichter. Dann kam allerdings "Edward Scissorhands", der äußerst schwer zu realisieren war. Und dann "Ed Wood". Es ist also eher ein Mythos zu glauben, dass es irgendwann einfacher wird. Dazu kommt, dass viele Entscheidungen aus Angst getroffen werden, egal, wie viel man bereit ist zu investieren. Ich habe aber auch keine bestimmten Themen, die mir immer schon vorschweben. Die tauchen irgendwann einfach auf.

STANDARD: Es gibt also keinen Superhelden, den Sie besonders gerne für die Leinwand adaptieren wollen?

Burton: Ich habe "Batman" damals gerne gemacht, einen wirklich düsteren Superhelden. Aber mittlerweile gibt es so viele wie ihn im Kino, dass ich mich nach den Tagen sehne, als sie noch pinkfarbene Kostüme trugen, mit orangen Unterhosen darunter. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2005)

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    Tim Burton, 1958 in Burbank, Kalifornien, geboren, ist trotz der melancholisch düsteren, punkigen und exzentrischen Formgebung seiner Filme einer der erfolgreichsten Hollywood-Regisseure der letzten Jahre. Nach frühen Erfolgen wie "Edward Scissorhands" (in der Titelrolle glänzte Burtons Lieblingsdarsteller Johnny Depp) und "Beetlejuice" belebte er mit zwei "Batman"-Adaptionen das Genre der Superhelden-Filme neu. Immer noch unterschätzt sind seine Ausritte ins Trash-Milieu: "Ed Wood" und "Mars Attacks!".

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    foto: warner
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