Amerika-Gipfel mit Spannung erwartet

5. November 2005, 15:38
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US-Präsident Bush und Venezuelas Staatschef Chávez werden am Wochenende in Argentinien zusammen­treffen - Verhandlungen über Freihandelszone an der Kippe

Der Gegengipfel hat bereits begonnen. Bevor die 34 Staats- und Regierungschefs zum vierten Amerika-Gipfel am Freitag und Samstag eintreffen, geben im argentinischen Seebad Mar del Plata Tausende Globalisierungskritiker den Ton an. "Wir werden von den lateinamerikanischen Präsidenten Taten verlangen, damit die Kinder nicht mehr an Armut sterben", sagte der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel. Er eröffnete am Dienstag den "Gipfel der Völker", den 500 Basisorganisationen aus Nord und Süd ausrichten.

Rund 7.500 argentinische Polizisten und 2.000 US-amerikanische Sicherheitsexperten haben das Zentrum von Mar del Plata weiträumig abgeriegelt, US-Hubschrauber kreisen über der Stadt. Auch politisch wird das Präsidententreffen dieses Mal mehr als Routine. Mit besonderer Spannung wird das Aufeinandertreffen von US-Präsident George W. Bush und dem linken Staatschef von Venezuela, Hugo Chávez, erwartet.

Ringen um Freihandelszone

Es war das Projekt einer gesamtamerikanischen Freihandelszone von Alaska bis Feuerland, das 1994 den damaligen US-Präsidenten George Bush senior veranlasste, den ersten Amerika-Gipfel in Miami anzusetzen. Nun droht dem Liberalisierungsvorhaben das Scheitern. Zuletzt fand Anfang 2004 eine Verhandlungsrunde statt. Solange die USA ihren Markt nicht spürbar weiter für Agrarprodukte aus Brasilien oder Argentinien öffnen, blockieren viele südamerikanische Länder. Jetzt ringen die USA, Mexiko und Chile darum, dass die Freihandelszone in der Gipfel-Erklärung überhaupt erwähnt wird.

Im Aufwind hingegen sieht sich Chávez, der dem US-Plan seine "Bolivarianische Alternative für Amerika" entgegensetzt. Als Integrationsprojekt mit sozialer Ausrichtung ist dieser Ansatz nicht nur bei den Globalisierungskritikern populär, sondern zunehmend auch bei Regierungen des Subkontinents: So liefert Venezuela seit kurzem Erdöl zu Vorzugsbedingungen an seine karibischen Nachbarn.

Gemeinsamkeiten sieht Chávez auch mit dem argentinischen Gastgeber Néstor Kirchner, der als offizielles Thema des Gipfels die Schaffung von Arbeitsplätzen durchgesetzt hat. Damit sollen die Armut bekämpft und die Demokratie gestärkt werden, lautet die gemeinsame Sprachregelung der Staatsoberhäupter.

Die Fakten sind deutlich: Die Kluft zwischen Arm und Reich in ganz Amerika ist so tief wie vor dem Beginn der "neoliberalen Offensive" vor 25 Jahren. Und nach UN-Angaben leben über 40 Prozent aller Lateinamerikaner unter der Armutsgrenze - 220 Millionen Menschen.

Aufrufe zu Anti-Bush-Protesten

Für den Freitag hat die in Mar del Plata versammelte Linke zu Demonstrationen gegen US-Präsident Bush aufgerufen. Auch auf den 150 Veranstaltungen des "Völkergipfels" wird die militärische und wirtschaftliche Vormachtstellung der USA attackiert. "Wir brauchen keine Armeen, und schon gar keine nordamerikanischen", rief Nobelpreisträger Esquivel, "wir brauchen Mittel für Gesundheit und Bildung".

Ebenso wichtig wie der Protest sei jedoch die Erarbeitung tragfähiger Alternativen, sagt Beverly Keene, die sich für einen Schuldenerlass für Lateinamerika einsetzt. "Diese Arbeit kann uns auch Chávez nicht abnehmen", mahnt die US-Aktivistin.

Von Gerhard Dilger, Porto Alegre
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    Anti-Bush-Slogans auch in Buenos Aires.

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