Polizei weist "Absprachen" zurück

2. November 2005, 18:58
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Gefahr Fixieren: Sanitäter wurden auch nach Fall Omofuma nicht geschult - Aufregung um "Zeugen unter Druck"

Wien - Am Ende des heutigen Verhandlungstages mussten ein Chefinspektor der Wiener Polizei und einer seiner Beamten in den Zeugenstand: Es war bekannt geworden, dass die beiden alle Ausbildner und Instruktoren zu einer "Besprechung" gebeten hatten, die für den Wague-Prozess eine Zeugenladung erhalten hatten.

Der Chefinspektor bestätigte ein derartiges Treffen. Er habe "alle involvierten Kollegen angerufen" und mit ihnen "Verhaltensmaßnahmen vor Gericht" erörtert, erklärte er Richter Gerhard Pohnert. Dass es dabei Absprachen über die zu tätigenden Zeugenaussagen gegeben habe, wies der ranghohe Beamte zurück. "Irgendjemandem eine Aussage in den Mund zu legen, erscheint mir auf Grund der Komplexität dieses Verfahrens unmöglich", bemerkte er. Und er rechtfertigte sich: "Ich glaube, der Eindruck wäre schlecht gewesen, wenn sich keiner an nix erinnern kann."

"Um hier bei Gericht professioneller auftreten zu können, wurden die Zeitfaktoren der einzelnen Ausbildungsmodule noch einmal in Erinnerung gerufen und die Ausbildungserlässe aufgelegt", erläuterte dazu ein mit dieser Sache betrauter Beamter. Auch Bekleidungsvorschriften bei Gericht und "die Ansprache" habe man besprochen.

"Dass man einem Polizeiinspektor beibringt, wie man einen Richter anspricht, kann wohl nicht ihr ernst sein! Das weiß man aus jedem schlechten Kriminalfilm", hielt dem der Verhandlungsleiter entgegen.

Fixierung war kein Thema Im Prozess um den Tod von Cheibani Wague ging es am heutigen Verhandlungstag um die Ausbildung und den Wissensstand der angeklagten Sanitäter und des Notarztes. Aus Zeugenaussagen ergab sich, dass diesen der lagebedingte Erstickungstod, die so genannte fixationsbedingte Asphyxie kein Begriff gewesen sein dürfte. Der lagebedingte Erstickungstod war bis zum Fall Cheibani Wague bei der Wiener Rettung kein Thema, obwohl der Schubhäftling Marcus Omofuma im Mai 1999 gestorben war, nachdem ihm Polizisten den Mund verklebt und mit Gurten an seinen Sitzplatz fixiert hatten.

Sanitäter nicht geschult

Die angehenden Sanitäter wurden im Rahmen ihrer Ausbildung nicht über die Gefahren aufgeklärt, die sich für tobende Patienten ergeben können, wenn diese gefesselt bzw. in Bauchlage fixiert werden.

"Tobende werden nicht behandelt"

Der Ausbildungsleiter der Wiener Rettung und zwei Lehrbeauftragte erklärten am Mittwoch im Prozess um Tod von Cheibani Wague, lagebedingtes Ersticken wäre "bis zum tragischen Vorfall im Stadtpark" nicht bekannt gewesen. Seither werde "dieses Phänomen" im Unterricht angesprochen. er Umgang mit gefesselten, tobenden Patienten "kommt im Unterricht spezifisch aber nicht vor", stellte Ausbildungsleiter Reinhard Malzer Wiener Landesgericht fest. "Der Tobende als solcher wird nicht gelehrt. Wenn jemand tobt, behandeln wir diesen Patienten nicht."

Immer wieder Tobende

Die angeklagten Sanitäter, denen vorgeworfen wird, am 15. Juli 2003 gemeinsam mit sechs Polizisten und einem Notarzt fahrlässig den Tod von Cheibani Wague herbeigeführt zu haben, hatten allerdings angegeben, in ihrer Praxis immer wieder mit Tobenden, offenbar psychotischen Patienten konfrontiert gewesen zu sein. Auch Wague wurde zu Beginn der Amtshandlung als ein solcher angesehen. Wie hätten sie also mit dem Mann verfahren sollen, wollte die Staatsanwältin von Malzer wissen.

Polizei stellt Patienten ruhig

"Die Polizei stellt den Patienten ruhig, fesselt den Patienten, und wenn wir von der Polizei gesagt bekommen, er ist gesichert, übernehmen wir den Transport", erwiderte dieser. Den Sanitätern werde nicht beigebracht, an der Fixierung mitzuhelfen. "In der Praxis kann es passieren, dass der Sanitäter mit angreift."

Primär gehe die Eigensicherung der Sanitäter vor, betonte der Ausbildungsleiter.

"Wir schreiten erst ein, wenn wir uns Patienten gefahrlos nähern können"

Anschließend wurde die Frage erörtert, ob der angeklagte Notarzt seiner Ausbildung entsprechend gehandelt hatte. Der zu diesem Zweck geladene Chefarzt der MA 70 Alfred Kaff, verteidigte den Notarzt: "Ich glaube, in dem Anlassfall hat er nicht erkannt, dass es sich um einen Reanimationsfall gehandelt hat."

Der lagebedingte Erstickungstod, werde in den Notarzt-Kursen "nicht im Speziellen unterrichtet", sagte Kaff. Auch ihm selbst sei die fixationsbedingte Asphyxie vor 2003 "nicht in dem Maße" bewusst gewesen.

Nur 60 Stunden Ausbildung

Bei dieser Gelegenheit sprach er sich gegen die zu wenig weit reichende Ausbildung aus, die Sanitäter hier zu Lande durchlaufen mussten. Bis zum Sanitätergesetz 2002 seien nur 60 Unterrichtsstunden in Erster Hilfe vorgesehen gewesen.

Aufregung um "Zeugen unter Druck"

Aufregung löste am Mittwochnachmittag im Straflandesgericht ein Mann aus, der sich im Prozess um Cheibani Wague praktisch als Zeuge "aufgedrängt" hat. Der an dem Verfahren an sich Unbeteiligte war in der vergangenen Woche zum Bezirksgericht Innere Stadt marschiert und hatte dort "Anzeige" erstattet: Bei der Wiener Polizei sei allgemein bekannt, dass am Boden Fixierte und Gefesselte keine Luft bekommen. Er wisse darüber Bescheid.

Diese "Eingabe" sprach sich bis zur zuständigen Staatsanwältin durch, die Richter Gerhard Pohnert informierte. Dieser entschloss sich darauf hin, den Mann für Donnerstag als Zeugen zu laden.

Während der heutigen Verhandlung meldete sich der mysteriöse "Anzeiger": Er könne am Donnerstag nicht kommen: Jener Polizist, der ihm die Zeugenladung zugestellt hatte, habe ihn "unter Druck gesetzt". Er wolle daher nicht aussagen.

Der Richter ließ daraufhin den Zusteller ausforschen. Sollte der Mann am Donnerstag nicht erscheinen, dürfte der betreffende Beamte vorgeladen werden. Der Prozess wird am Donnerstag, fortgesetzt.(APA)

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