Studieren im permanenten Ausnahmezustand

20. März 2006, 12:04
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Ein Rundgang durch drei der 23 baufälligsten Häuser

Wien - "Kathrin & Martina" steht da in roter Schrift auf einem jener Kühlschränke, die rund ein Drittel des Fluchtweges blockieren. In ihrem Inneren bergen sie hochgiftige, chemische Substanzen, für deren Lagerung ursprünglich der eigens dafür eingerichtete Kühlraum vorgesehen war. Doch dessen Tür steht weit offen: Die Anlage ist kaputt, wie so vieles im Chemiegebäude der Technischen Universität Wien, an der die beiden Mädchen studieren.

Gerald Hodecek, Baubeauftragter der Hochschule, führt den STANDARD durch das rund 40 Jahre alte Hochhaus am Wiener Getreidemarkt und spart nicht mit Details: Die Türen seien "nicht einmal vor Verrauchung gesichert", die Fenster und Böden des Gebäudes "aus Kunststoff". Die Brandschutzbestimmungen bereiten Herrn Hodecek die größten Sorgen - in den kommenden Wochen will er daher einen Maßnahmenplan vorlegen, dessen Umsetzung ihm vom Hausherrn doch bitte gegengezeichnet werden soll.

Probleme gibt es auch mit den Abzügen einiger Labors. Diese seien "nicht mehr funktionsfähig, zumindest nicht mehr sicher". Aber was bleibt einem über, wenn es im Haus keine luftführenden Schächte gibt? Da helfen auch die besten Absaugungen nichts.

Der Gesamtinvestitionsbedarf der TU wurde mit rund 230 Millionen Euro, verteilt auf die nächsten zehn Jahre, berechnet. Rund die Hälfte davon hat man im Generalsanierungsplan der Universitäten budgetiert, der jene 23 Uni-Gebäude auflistet, die besonders dringend saniert werden müssen - mehr war dem Finanzminister wohl nicht zuzumuten. Die Alternative für die TU: die Totalabsiedelung (DERSTANDARD berichtete). Wobei zumindest das erste Haus der Technischen Hochschule, am ebenfalls sanierungsbedürftigen Karlsplatz 13, gehalten werden soll. Bis Jahresende wird entschieden.

Dringenden Sanierungsbedarf gibt es auch an der Medizinuni Wien, die ebenfalls im 600-Millionen-Euro-schweren Generalsanierungsplan inkludiert ist. Thomas Szekeres, Betriebsratsvorsitzender für das wissenschaftliche Personal, ortet bei den zuständigen Rektoren allerdings eine falsche Prioritätensetzung: "Den Rektoren ist offensichtlich die Sicherheit der Mitarbeiter und Studenten nicht so wichtig wie ihre eigene Rechtssicherheit", spielt er auf die von der Rektorenkonferenz in der Vorwoche geforderte Haftungsaussetzung an. Szekeres weiß jedenfalls, wovon er spricht: In den letzten Wochen musste er eine Lehrveranstaltung für Erstsemestrige in den Kellerräumen des Physiologieinstitutes abhalten: "Es war ungeheizt, unbelüftet, daneben sind Tierställe, es stinkt ziemlich. Abgesehen von der Feuergefährlichkeit, die Fluchtwege waren verstellt."

Unzureichend auch die Raumausstattung der Zahnmedizin: Die Patienten werden hier nebeneinander in Behandlungskojen abgefertigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2005)

von Karin Moser
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