Die Schule der Totengräber

21. Februar 2006, 13:31
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Von leistungsfeindlichen Arbeitsbedingungen frustriert, von spar­wütigen Bildungs­politikern systematisch zermürbt - Kommentar der anderen von Martin Hetzendorfer

Ich bin seit 23 Jahren Lehrer, bin aber fest davon überzeugt, dass es noch nie eine so frustrierte, demotivierte und resignierte Grundstimmung unter den österreichischen Lehrer/innen gegeben hat wie derzeit.

Die Gründe dafür sind vielfältig (nach meinem persönlichen Dafürhalten ist das Einkommen einer der unwichtigsten), aber in großer Zahl in der seit Jahren herrschenden Bildungsnichtpolitik zu suchen. Bildungspolitik in Österreich heißt nämlich seit gut einem Jahrzehnt, Einsparungen bei den Personalkosten vorzunehmen, die aufgrund der Altersstruktur der österreichischen Lehrerschaft einen Höchststand erreicht haben. Alles, was in den letzten Jahren an "Schulreformen" stattgefunden hat, war diesem Ziel verpflichtet. Der letzte Ansatz, tatsächlich qualitativ etwas zu verändern, war der große Wurf der schulischen Integration von behinderten Kindern. Dass gerade eine Regierung unter Führung einer christlich-sozialen Partei diese Reform durch Einsparungen bei Förderstunden, Stützlehrern etc. rückgängig macht, schmerzt mich besonders.

Die vollmundig angekündigte "Entlastungsoffensive" durch die Kürzung zweier Wochenstunden? - Eine reine Einsparungsmaßnahme ohne jeden pädagogischen Hintergrund und Sinn. Mehr "Gehaltsgerechtigkeit" durch die Herausnahme von Klassenvorstands- und Kustodiatsaufgaben aus der Lehrverpflichtung? Gehaltsverminderung durch die Hintertür. Und dass mit Beginn des heurigen Schuljahres die Werteinheiten an den Schulen (ohne Rücksicht auf reale Gegebenheiten wie Schülerzahlen etc.) um 2,5 Prozent gekürzt wurden, hat zwar sicherlich Geld gespart, uns aber wieder zum Beispiel Fremdsprachen-Klassen mit über 30 Schüler/innen gebracht.

Dazu schweigt die Ministerin - wie leider auch unsere Standesvertretung, beide gewichtige Gründe für den immensen Frust unter Lehrern. Zur letzteren drängt sich der uralte Witz vom Gemeinsamen zwischen Lehrervertretern und Zitronenfaltern auf: Kennt jemand einen Zitronenfalter, der Zitronen faltet?

Entrückte und Pragmatisierte

So sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen auf einzelschulischer Ebene sich für die Belange der Lehrerschaft einsetzen, so sehr scheint auf jeder Ebene weiter oben eine seltsame Veränderung einzusetzen. Wie sonst ist es zu erklären, dass das Lehrer-Image immer dann am nachhaltigsten beschädigt wird, wenn unsere Standesvertretung sich äußert?

Jüngstes Beispiel: die absolut jenseitige Forderung, Nachprüfungen extra bezahlt zu bekommen. Da kommt endlich einmal ein sinnvoller Vorschlag (bezeichnenderweise stammt er nicht aus dem Ministerium, sondern wurde vor etlicher Zeit im Rahmen einer Fernsehdiskussion von einer Wiener Schuldirektorin gemacht), und schon nützen ein paar der Realität anscheinend völlig Entrückte dies als Chance zur reputationsmäßigen Selbstverstümmelung.

Und manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass es eher darum geht, Minderleister und schwarze Schafe zu schützen, als die Arbeitsbedingungen für die zu verbessern, die in ihrem Beruf aufgehen. Es passt ins Bild, dass bei den alle vier Jahre stattfindenden Wahlbesuchen an den Schulen oft persönliche Probleme ("Man hat mich noch nicht pragmatisiert") zum Hauptmotiv für personalpolitisches Engagement erklärt werden.

Damit sind wir beim nächsten Stichwort: Die Pragmatisierung hat im Lehrberuf keine Daseinsberechtigung. Sehr salopp und sehr grob verallgemeinernd: Wer Angst hat, ohne Pragmatisierung seinen Job zu verlieren, hat wahrscheinlich einen Grund dafür.

Stichwort Pflichtschulen: Die wahrscheinlich ärmste Gruppe der Lehrerschaft sind die Hauptschullehrer/innen. (Nicht nur) in den Großstädten zunehmend mit schwierigen, weniger leistungsfähigen, oft der deutschen Sprache nicht mächtigen Jugendlichen konfrontiert, werden sie vom Schulsystem vollkommen im Stich gelassen.

Wenn Bezirksschulinspektoren Lehrer vorladen, maßregeln und ihnen mit Versetzung drohen, wenn sie negative Noten geben oder der Notenschnitt bei einer Schularbeit nicht passt, wenn sie Direktoren mit Zuteilungskürzungen drohen, wenn an einer Schule nicht eine bestimmte Anzahl Schüler in der ersten Leistungsgruppe ist, wie sollen dann Qualität und Leistung möglich sein?

Groteske Strukturen, "kollegialer" Hohn

Um Missverständnissen vorzubeugen: Negative Noten oder gar Wiederholen sollen nicht erstrebenswerte Kriterien zur Beurteilung von Lehrerleistung sein. Es ist aber eine romantische Illusion, dass alle Schüler in allen Gegenständen das Klassenziel erreichen können. Und was soll man als Lehrer von einer Personalvertretung erwarten, in der auf Bezirksebene fünf von sechs Mitgliedern Schuldirektoren sind? Dass so etwas überhaupt möglich ist, macht fassungslos.

Gipfelpunkt der bald vollendeten Zerstörung der Hauptschule: Der C-Topf. Eigentlich wäre diese Groteske ja eine vollendete Kabarettnummer, hätte sie nicht dazu geführt, dass die Lehrer, die nie etwas über den reinen Unterricht hinaus tun, jetzt auch noch die Mehrheit der Engagierten, die den Lehrberuf sehr wohl als einen Vollzeitjob begreifen, verhöhnen können.

Nicht umsonst hat sich Herr Helm, der unter all den Totengräbern des österreichischen Schulwesens eine besondere Stellung einnimmt, durch seinen Rückzug auf einen hoch bezahlten Posten ins Ministerium der Pflicht zur Rechtfertigung gegenüber denen, die er eigentlich vertreten sollte, entzogen.

Über die Chuzpe der "Objektivierung" von Postenbesetzungen lohnt es sich nicht zu schreiben, da war das alte System wirklich billiger und vor allem ehrlicher.

Und dann noch die mediale Gehässigkeit

Das dicke Ende kommt zum Schluss: Wenn man trotz all dieser Widrigkeiten den Lehrberuf noch immer als einen der schönsten Berufe überhaupt empfindet, dann muss man dennoch die ständige medialen Lehrerschelte aushalten. Ich weiß schon, dass Lehrer besonders dazu neigen, angerührt zu sein (und habe sogar eine Erklärung dafür gefunden), aber selbst unter Berücksichtigung dieser Tatsache ist das konsequente pauschale, undifferenzierte, nicht selten gehässige mediale Lehrerbashing oft nur schwer auszuhalten (am leichtesten noch im Juli oder August).

Zur Untermauerung: Man stelle sich nur vor, Lehrer würden Schulbücher von den Verlagen beziehen und sie an die Schüler weitergeben. Die Hälfte dieser Schulbücher wäre ein "Naturalrabatt" des Verlages, der Staat müsste über die Schulbuchaktion aber dennoch den vollen Preis bezahlen. Oder man stelle sich vor, es käme ans Tageslicht, dass eine Gruppe von Lehrern sich von einer Agentur regelmäßig minderjährige litauische Prostituierte hätte vermitteln lassen. Den Unterschied in der Medienberichterstattung zu den realen Fällen möchte ich Klavier spielen können.

Eigentlich wollte ich auch noch zum Umgang mit den freien Tagen und zu Herbstferien etwas schreiben. Aber dieses Problem hat die Ministerin schon selbst in die Hand genommen. Dann kann ja nichts mehr schief gehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2005)

Der Autor unterrichtet an einer Schule in Niederösterreich.
  • ... und die Sektionschefs (neben Ministerin Gehrer, v. li.: Heidrun Strehmeyer, Helmut Moser, Hermann Helm, Wolf Stelzmüller) blättern stumm im Reformpapier herum. Über den Geist seiner Erfinder freuen sich im Hintergrund drei Kinder.
    foto: standard/cremer

    ... und die Sektionschefs (neben Ministerin Gehrer, v. li.: Heidrun Strehmeyer, Helmut Moser, Hermann Helm, Wolf Stelzmüller) blättern stumm im Reformpapier herum. Über den Geist seiner Erfinder freuen sich im Hintergrund drei Kinder.

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