Der Silbersurfer

2. November 2005, 18:27
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Der Mann mit der Lederjacke voll silberner Nieten surft hier fast jeden Tag...

Es war vorgestern. Da habe ich den Surfer doch angesprochen. Aber eigentlich hätte ich mir das sparen können. Denn der Mann im Campingstuhl wollte nicht plaudern. Und sonderlich originell war ich wohl nicht. Um ehrlich zu sein: Schon als ich den Mann ansprach, war mir klar, dass ich das Level von "bist du öfter hier", "kennen wir uns von wo" oder "hast du Feuer" gerade mit Ach und Krach schaffte.

Aber worauf soll man jemanden, den man seit Monaten fast jeden Tag am selben Ort bei derselben Tätigkeit sieht, schon ansprechen? Etwa: "Tschuldigung die Störung – aber glauben sie an Seelenwanderung? Ist Hickersberger der richtige Mann? Haben sie Angst vor der Vogelgrippe? Egal – ich wollte eigentlich über das W-Lan im Museumsquartier reden."

Kälteresistent

Denn der Mann mit der Lederjacke voll silberner Nieten surft hier fast jeden Tag. Im Sommer, als die Laptopdichte im Hof höher lag, ist das nicht aufgefallen – aber seit es kälter wird, dünnt die Gratissurfergemeinde aus. Nur die härtesten Freiluft-Surfer sind noch da. Vorgestern war der Mann mit dem Campingsessel einer von drei MQ-Nerds – obwohl er nicht an seinem üblichen Platz saß.

Denn allem Anschein nach hatte er dem Reiz der letzten Sonnenstrahlen nicht widerstehen können. Und während die anderen Surfer auf den Bänken saßen und ihre Rechner auf den Knien balancierten, hatte er seinen Campingsessel beim Haupteingang aufgeklappt: Zwar musste auch er das halb zugeklappte Gerät auf dem Schoß so positionieren, dass er trotz der flach einstrahlenden Sonne noch irgendetwas auf dem Bildschirm erkennen konnte, aber im Gegensatz zu den anderen Hofsurfern hatte er für die Maus eine Unterlage: Eine Granitbank - und damit sich sein Ellenbogen wohler fühlte, hatte er sein Handtuch unter den Arm gelegt.

Handtuch

Das Handtuch war es, was mir schon früher an dem Surfer aufgefallen war: Es ist lindgrün. Meistens sitzt er drauf. Oder lehnt zumindest daran. Wahrscheinlich ist es um einen Schaumgummipolster gewickelt. Wegen der Kälte. Denn die dürfte schon zügig durch Campingsessel und Lederjacke krabbeln. Vor allem, wenn man dort sitzt, do der Nietenjackenmann normalerweise sitzt.

Sein Stammplatz ist nämlich an der Haupthof-Ecke des Leopoldmuseums. Wegen des Tisches. Der ist eigentlich gar kein Tisch, sondern ein steinerner Rundlauf den die MQ-Architekten wohl kaum als öffentlichen Arbeitsplatz erdacht haben, der aber (nicht nur vom Nietenmann) regelmäßig als Laptopunterlage verwendet wird. Aber so konsequent, sich einen Bürosessel mitzunehmen, ist nur der Mann mit der Lederjacke. Zumindest ist mir sonst noch niemand ähnlich ausgerüstet aufgefallen.

Ledersurfer

Vorgestern habe ich den ledernen Hofsurfer also angeredet. Ob das Netz hier gut sei (ja: ziemlich kläglich). Der Ledersurfer ließ sich lange Zeit mit der Antwort. Dabei wandte er kaum die Augen vom Schirm: Das Netz sei ok. Es könnte besser sein. Er käme aber trotzdem täglich. Weil man anderswo nicht rauf- oder runterladen dürfe – oder aber fürs Onlinesein konsumieren oder zahlen müsse. Und das sei nicht nur mühsam, sondern auch teuer: Er könne – oder wolle - sich das jedenfalls nicht leisten.

Eigentlich hatte ich ja weiter fragen wollen: Wo er denn im echten Winter oder bei Regen online ginge. Aber für den Mann am Campingsessel war das Gespräch beendet. Beinahe hatte es den Anschein, als versuche er in den engen Spalt zwischen Tastatur und Bildschirm zu kriechen um im Netz zu verschwinden. Und eigentlich war es ihm ja auch gelungen. Ein bisschen jedenfalls.

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von Thomas Rottenberg

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    foto: rottenberg
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