"Frischer Wind" für deutsche Unternehmen

11. November 2005, 14:04
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Generationswechsel in der Chefetage und Restrukturierungen machen Markt attraktiv

Wien - Die deutsche Volkswirtschaft kämpft mit drei Schwächen, erläutert Frédéric de Mérode, Senior-Stratege bei Fidelity Investments International im STANDARD-Gespräch: schwache Konsumausgaben, fehlende Investitionen und eine hohe Arbeitslosigkeit.

Trotz der aktuellen Bedingungen sei der deutsche Markt jedoch attraktiv. Denn bei vielen Unternehmen - etwa VW oder Commerzbank - habe ein Generationswechsel auf CEO-Ebene stattgefunden. "Frisches Blut" sei für Veränderungen ein wichtiger Schritt, meint de Mérode. Zudem würden interne Umstrukturierungen erste Erfolge zeigen: Mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt steigere das Auftragsvolumen. Aber: Ohne Sicherheiten wie Jobgarantie würden Private ihr Geld weiterhin lieber sparen als ausgeben.

Der Anteil des privaten Konsums am deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) beläuft sich auf knapp 60 Prozent. Eine Zurückhaltung im Konsumverhalten beeinflusst die Konjunktur daher maßgeblich, weist de Mérode auf die Problematik hin.

Problem hohe Lohnstückkosten

"Die hohen Lohnstückkosten sind noch immer ein Problem", erörtert der Stratege. In Westdeutschland koste eine Arbeitsstunde im Durchschnitt 27,60 Euro, womit Deutschland fast an der Spitze im EU-Vergleich liegt. Teurer ist nur Dänemark mit 28,14 Euro. Mérode: "Während in Dänemark die hohen Kosten durch eine hohe Produktivität kompensiert werden, heißt es in Deutschland ,high costs - low efficiency'". Zum Vergleich: In Ostdeutschland müssen pro Arbeitsstunde 17,15 Euro berappt werden, in Polen 3,29.

Für deutsche Unternehmen gebe es großes Aufholpotenzial gegenüber europäischen Wettbewerbern. Besser als der EU-Durchschnitt schneide Deutschland nur in den Bereichen Computersoftware und -dienstleistungen, Finanzdienstleister und Versicherungen ab.

In den Bereichen Banken, Pharmazeutik und Biotechnik sowie Einzelhandel gebe es das meiste Aufholpotenzial, so de Mérode. Das schlechte Abschneiden des Bankensektors habe damit zu tun, dass die vielen deutschen Banken stark reguliert seien und daher kein richtiger Wettbewerb stattfinde. "Die beginnende Konsolidierung könnte für Aufwind sorgen."

Geringe Investitionen

Investitionen würden laut de Mérode derzeit nach Asien fließen, nur ein kleiner Teil nach Deutschland. Das Deutschland heuer zum fünften Mal in Folge mit einem Budgetdefizit von über drei Prozent die Maastricht-Kriterien verletzt, koste Vertrauen.

Typisch für das Land sei der hohe Anteil an zyklischen Branchen, darum reagiere Deutschland schneller als der EU-Durchschnitt. Bei einem Anziehen der Märkte könne Deutschland daher schnell wieder "on top" sein. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 02.11.2005)

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