Komische Zynismen

2. November 2005, 13:49
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Hans Werner Henzes "Der junge Lord" am Stadttheater Klagenfurt

Klagenfurt - Ingeborg Bachmanns Bearbeitung der Parabel Der Scheich von Alessandria und seine Sklaven von Wilhelm Hauff kokettiert mit unterschwelligen Andeutungen. Momentaufnahmen mit vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten des Ausdrucks verdeutlichen ihre Auffassung von Sprache und deren Konstruktion.

Die satirische Provinzposse demaskiert Spießertum und Ignoranz bis hin zu latenter Fremdenfeindlichkeit. Henzes Partitur spürt der Ambivalenz des Textes akribisch nach, indem er lose gebundene Tonalität in den Dialog mit eigentümlichen Clustern stellt; "klassische" Ausdrucksmittel (Marsch als Verhöhnung seiner selbst, Walzer ohne Seligkeit, Passacaglia für nicht enden wollende Kontinuität) lässt er mit durchkomponierten freien Formen korrespondieren.

"Graffiti"-Seitenhiebe

Dass Textdichterin und Komponist in völliger Übereinstimmung den Versuch unternahmen, "über Erlittenes zu lachen", vollzieht sich in einer Bandbreite von subtil leisen bis markant expressiven Tönen. Das biedermeierliche Städtchen, dessen spießbürgerliche Honoratioren dem "Charme" eines dressierten Affen zum Opfer fallen, verlegt Regisseur Leonard Prinsloo provokant in die Landeshauptstadt, er spart auch nicht mit "Graffiti"-Seitenhieben auf die wechselhaften Beziehungen zum südlichen Nachbarn!

Den skurrilen bis zur Absurdität gesteigerten Elan der Vorlage setzt er "maßstabgetreu" auf die Bühne: Ununterbrochene Aktion und Bewegung dominieren eine auf das Wesentliche reduzierte, aber genüsslich ausgeschlachtete Handlung. Beste Assistenz erfährt die Inszenierung von den grotesken Kostümen Christof Cremers - Biedermeierköpfchen und überdimensionierte Reifröcke, deren symbolhafte Zuordnung (unverbindliches Grau für die Bewohner, strahlendes Blau für die zugereisten Fremden) von grellen, rhythmisch akzentuierten Lichteffekten verstärkt wird.

Sängerkollektiv

Aus einem ausgewogenen Sängerkollektiv ragen Kwang Il Kim (als Sekretär) sowie Nina Bernsteiner (als Luise) und der Affe Alexander Kaimbachers heraus. Die morbide, scheinbare Gemütlichkeit des Geschehens lässt Peter Keuschnig am Pult mit einem bestens vorbereiteten Kärntner Sinfonieorchester detailliert und konsequent erklingen. Ungeheure Dynamik in einer komischen Oper der akribischen Zwischentöne. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2005)

Von Bernhard Bayer

Nächste Vorstellungen: 9., 11., 16, 18. 11.;
Infos: (0463) 540 64, 19.30

  • Hans Werner Henzes "Junger Lord": satirische Provinzposse mit absurdem Elan und fantasievollem Outfit.
    foto: standard

    Hans Werner Henzes "Junger Lord": satirische Provinzposse mit absurdem Elan und fantasievollem Outfit.

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