Krieg ohne Schlacht

1. November 2005, 20:27
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Mark Stewart & The Maffia riefen im Flex mit akustischem Sperrfeuer den Untergang aus

Wien - "Our children will rise against us!", brüllt es uns von der Barrikade dort oben auf der Bühne entgegen. Oder: "I will not cease from mental fight!" Keine Chance. Nie gehabt. Aber eine Handgranate gegen sie geht sich immer noch aus. Und dann geht es mit akustischem Sperrfeuer in so zentralen Songs wie Liberty City, Resistance Of The Cell oder Survival (inklusive der schrecklichen Drohung "These are our Good Times!") um Orwell'sche Kleinigkeiten wie Überwachen und Strafen im Big-Brother-Staat.

Prophetisch werden Sozialsysteme in den Kollaps gejagt und wird der nukleare Winter in unseren kollektiv und mit Methode zwangsindividualisierten Seelen beschrieben, die alle von der kapitalistischen Propagandamaschine der Massenmedien so unterschiedlich in der Warenwelt sozialisiert wurden, dass am Ende eine über das Trugbild des Einzelschicksals oder -geschicks gleichgeschaltete Generation von Konsumgefangenen herauskommt. Postmoderne 9/11-Schnäppchen wie biometrische Reisepässe, die allumfassende Kontrolle über E- und Mastercard und Mobilfunk, das Ministerium für Heimatschutz und -liebe oder der Kampf gegen den Terror gegen die eigenen Leute noch gar nicht mitgerechnet. Über allem kreisen schließlich schwarze Helikopter der Wahrheitspolizei, um auch noch die letzten Seher der finalen Katastrophe unauffällig aus dem Weg zu räumen.

Hypnotised

Ach ja, bevor sich jemand einbildet, dass man aus dem öffentlichen in den "privaten" Raum flüchten könne: Im brutalen Funk-Exorzismus des Songs Hypnotised geht es um sexuelle Deprogrammierung. Und wer jetzt deshalb am Liebsten auszucken möchte: Hysteria ist ein wütendes Anrennen gegen die Akzeptanzgrenzen der Hysterie.

Mit megafonverzerrter, gequälter, erstickender, recht körperloser Stimme ruft der britische Soundextremist Mark Stewart im Flex heute wie vor einem Vierteljahrhundert daheim in Bristol zum letzten Gefecht, zum Krieg ohne Schlacht auf. Was einst im Großbritannien der Margret Thatcher futuristische Schreckensvision war, geht heute allerdings als dokumentarische Kunst durch. Womit bewiesen wäre, dass einst als paranoide Spinner verunglimpfte Politkünstler wie Mark Stewart zuerst mit The Pop Group und dann mit The Maffia leider immer auch ein wenig Recht behalten.

Lenkraketen-Startgeräusche

Zumindest musikalisch allerdings ist dieser Höllencocktail aus Industrial-Noise, aus brutalistischem Metal, Dub, Reggae und Stahlhammer-Funk, der live wie im Studio von Produzent Adrian Sherwood dann noch einmal auf dem Mischpult mit tonnenschweren Hall- oder Lenkraketen-Startgeräuschen zerbröselt wird, keineswegs auf der Strecke geblieben. Was Stewart damals mit den drei aus der Geburtsstunde des Rap bekannten Musikern der Sugarhill Gang, die sich hier politisch stimmiger The Maffia und zwischendurch auch Tackhead (Sprengkopf) nennen, im Flex lostrat, ist der Stand der Dinge.

Paranoid zu sein bedeutet nicht, dass niemand hinter einem her wäre. Kiss the Future lautet Stewarts aktuelle CD. Vorsicht, die Zukunft schießt zurück! (DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2005)

Von Christian Schachinger
  • Es ist immer 1984: der alte britische Soundextremist Mark Stewart im Kampf gegen Orwell'sche Horrorszenarien.
    foto: standard/ christian fischer

    Es ist immer 1984: der alte britische Soundextremist Mark Stewart im Kampf gegen Orwell'sche Horrorszenarien.

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