Kopf des Tages: Linke "Femme fatale" killt ihren dritten SPD-Chef

3. November 2005, 15:45
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Bundestagsabgeordnete Andrea Nahles gewann Machtprobe im SPD-Vorstand

Möglicherweise hat Andrea Nahles am Tag danach mit Wonne ein paar Glasscherben verfrühstückt - garniert mit spitzen Nägeln. Das 35-jährige Aushängeschild der SPD-Linken in Deutschland, hat nun endgültig das Image einer beinharten politischen "Femme fatale", die die Männer reihenweise erledigt. "Die Genossin mit dem tödlichen Biss" wird sie von Bild genannt. "Die Frau, über die Müntefering stürzte", staunt auch die FAZ.

Privat mag es die studierte Literaturwissenschafterin mit der markanten braunen Lockenmähne eher gemächlich. Zurückgezogen lebt sie mit ihrem Partner, der bei Audi im Vorstand sitzt, auf einem Bauernhof in der Eifel, den sie von den Urgroßeltern erbte. Politisch lässt sie es gern gehörig krachen: Aus einfachen Verhältnissen stammend, weiß Nahles schon bald, wohin sie will: nach ziemlich weit oben - und das ziemlich schnell.

In ihrer Heimat Mending bei Koblenz (Rheinland-Pfalz) gründet sie 1989 den SPD-Ortsverein und leitet ihn auch gleich. Vier Jahre später ist sie schon Vorsitzende der Jusos in Rheinland-Pfalz. 1995 bis 1999 führt sie die Jungen Sozialdemokraten als Bundesvorsitzende. Immer wieder fordert sie eine Vermögenssteuer und eine Ausbildungsplatzabgabe für Firmen, die keine oder nicht genug Lehrlinge einstellen.

Pikanterweise verdankt Nahles ihren weiteren Aufstieg in der Partei ausgerechnet Müntefering, der das junge Talent fördert. "Die kann Partei", hat er einmal über sie gesagt. 1997, mit 27 Jahren, ist Nahles schon Mitglied im Parteivorstand - und verschafft sich so Zugang zu Informationen, die sie geschickt für ihre Karriere zu nutzen weiß.

Rudolf Scharping ist der erste SPD-Chef, den Nahles zur Strecke bringt. 1995, auf dem denkwürdigen Parteitag von Mannheim, organisiert die damals 25-Jährige den Widerstand der Linken gegen Rudolf Scharping. Den Rest besorgt Oskar Lafontaine: Er drängt Scharping in einer Kampfabstimmung aus dem Amt des SPD-Vorsitzenden und inthronisiert sich selbst als neuer SPD-Chef. "Ein Gottesgeschenk" nennt er Nahles.

Der nächste, dem sie das Leben schwer macht, ist Gerhard Schröder. "Politik mit der Abrissbirne" nennt sie im Namen der SPD-Linken seine Reformen und stichelt immer wieder und immer weiter. 2004 gibt Schröder, zermürbt von den ewigen Querschüssen aus dem linken Lager, den SPD-Vorsitz an Müntefering ab. Bussi links, Bussi rechts bekommt dieser von Nahles, als er am 21. März 2004 von Schröder übernimmt.

Zu dieser Zeit verstehen sich die beiden noch gut. Obwohl Nahles 2002 aus dem Bundestag geflogen war, darf sie in der SPD die Kommission zur Ausarbeitung einer Bürgerversicherung leiten. "Münte" hatte sich für seinen späteren Stolperstein eingesetzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2005)

Von Birgit Baumann
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