Prozesse ohne Strafen gegen Sextouristen

4. November 2005, 15:10
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Verfahren gegen Touristen, die im Ausland Sex mit Kindern haben, verlaufen oft im Sand

Wien - Kinderschänder, die ihre Taten im Ausland begehen, können seit dem 1. März 1997 auch in Österreich vor Gericht gestellt werden. Wie oft das bisher passiert ist, weiß man im Justizministerium jedoch nicht. Zurzeit läuft gerade wieder ein Verfahren: Drei Salzburger sollen in Marokko mehrere Buben missbraucht haben.

Am 13. Mai 2005 wurden die älteren Männer in dem nordafrikanischen Land festgenommen, bestätigt man im Wiener Außenministerium. Der Vorwurf: Sie sollen in ihr in Marokko gemietetes Haus Minderjährige eingeladen haben, um Sex zu haben. Die marokkanischen Behörden ließen die Verdächtigen nach drei Tagen wieder frei - allerdings informierte das heimische Außenamt das Justiz-und Innenministerium, die zu ermitteln begannen.

"Die Tatverdachtsmomente waren ausreichend, um ein Verfahren zu eröffnen. Dieses ist beim Landesgericht Salzburg derzeit noch am Laufen. Es wurde ein Rechtshilfeersuchen an Marokko gestellt", berichtet Christoph Pöchinger, der Pressesprecher von Justizministerin Karin Gastinger. Die drei Verdächtigen, die nach Österreich zurückgekehrt sind, befinden sich derzeit auf freiem Fuß.

Für Helga Konrad, die Sonderbeauftragte der OSZE zur Bekämpfung von Menschenhandel, ist der Fall "symptomatisch" - sie fürchtet, dass das Verfahren im Sand verläuft. "Marokko wird die Österreicher aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen nicht angeklagt haben, und in Österreich werden die Beweise für eine Anklageerhebung oder für eine Verurteilung nicht ausreichen", mutmaßte die frühere SPÖ-Frauenministerin vergangene Woche bei einer Veranstaltung des Kinderschutznetzwerkes Ecpat Österreich in Wien.

Zum Sex gezwungen

Rund 1,2 Millionen Kinder werden weltweit jährlich gehandelt, schätzt die Uno. Sie werden zur Prostitution gezwungen oder als Arbeitssklaven missbraucht. Internationale Kooperationen sollen das Geschäft für die Menschenhändler erschweren, doch den bisherigen Erfolg solcher Maßnahmen beurteilt Konrad durchaus selbstkritisch: "Wir managen Menschen- und Kinderhandel, aber ob wir ihn wirklich bekämpfen, wage ich zu bezweifeln." Sowohl im In-als auch im Ausland würden die Opfer vor zu viele Barrieren gestellt.

So sei das Aufenthaltsrecht für die von Menschenhandel Betroffenen in Österreich noch immer eine "Kann-Bestimmung", kritisiert Konrad. Anspruch habe niemand darauf. Bei der Prostitution von Minderjährigen wiederum sei das Interesse, die Freier zu verfolgen, nicht sehr ausgeprägt, wie der Fall des Wiener Escort-Services hinlänglich gezeigt habe. Und auch im öffentlichen Bewusstsein sei die Problematik noch nicht wirklich präsent.

Urlauber aufklären

Um das zu ändern, lässt Ecpat die Ausstellung "Hinschauen statt Wegschauen" durch Österreich touren und bemüht sich, speziell im Tourismusbereich für Aufklärung zu sorgen. Möglichst viele Veranstalter sollen dem Beispiel des Branchenriesen TUI folgen und den "Verhaltenskodex zum Schutz der Kinder vor kommerzieller sexueller Ausbeutung im Tourismus" befolgen.

Der Verhaltenskodex sieht vor, dass Hotels, die minderjährige Prostituierte dulden, der Vertrag gekündigt wird. Auch sollen die Urlauber schon bei Buchung und Anreise über das Thema Kindesmissbrauch informiert werden. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.11.2005)

Touristen, die im Ausland Sex mit Kindern haben, können dafür in Österreich vor Gericht gestellt werden. Doch die Verfahren verlaufen oft im Sand, kritisiert die OSZE: Das Interesse, die Freier dingfest zu machen, sei, wie der Fall des Wiener Escort-Service gezeigt habe, nicht groß. Ecpat-Ausstellung "Hin- schauen statt Wegschauen": noch bis 15. 11. 2005 im Foyer der Urania in Wien
www.ecpat.at
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