Portrait: Wieczorek-Zeul - Die "rote Heidi" tritt als SPD-Vize ab

3. November 2005, 11:11
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Müntefering riss Stellvertreterin mit vom Stuhl

Berlin - Wenn sie sich zwischen ihrem Parteiamt und ihrem Ministeramt entscheiden müsse, werde sie immer das Parteiamt wählen. Mit diesen Worten hatte Heidemarie Wieczorek-Zeul gerade erst Vorschläge abgelehnt, sie solle zur Entschärfung der Führungskrise der deutschen Sozialdemokraten doch ihren Posten als stellvertretende Parteivorsitzende zugunsten der fast 30 Jahre jüngeren Andrea Nahles räumen. Jetzt riss Parteichef Franz Müntefering seine Vizechefin durch seinen eigenen Abgang mit vom Stuhl. Nun verzichtete die 62-Jährige doch auf eine neue Kandidatur auf dem SPD-Parteitag in zwei Wochen.

Müntefering habe mit seinem Amtsverzicht in der SPD einen Generationswechsel eingeleitet. "Ich will diesem Generationswechsel nicht im Wege stehen", erklärte Wieczorek-Zeul am Dienstag in Berlin. Zuvor hatten mehrere SPD-Politiker sie mit teils recht deutlichen Worten zum Abgang gedrängt. Von "Pattex-Heidi", die an ihrem Amt klebe, war die Rede. Dabei wurde der Bundesentwicklungsministerin vorgeworfen, durch ihren Verbleib im Amt mit für die Kampfabstimmung um die Nominierung zum SPD-Generalsekretär verantwortlich zu sein, in der Nahles sich gegen Münteferings Favoriten Kajo Wasserhövel durchsetzte - und damit indirekt den Rückzug des Parteichefs auslöste.

"Rote Heidi"

Wie Nahles gilt auch die frühere Juso-Chefin Wieczorek-Zeul als entschiedene Parteilinke. "Die rote Heidi" wird sie nicht nur wegen ihres roten Haares genannt. Auch für unkonventionelle Aktionen ist die SPD-Politikerin bekannt. 1995 protestierte sie an der Seite einer tahitianischen Bürgerinitiative auf einem kleinen Schiff im Pazifik gegen französische Atomwaffentests.

Wieczorek-Zeul wurde am 21. November 1942 in Frankfurt am Main geboren. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst dort, dann in Rüsselsheim als Lehrerin für Englisch und Geschichte. Ihre politische Karriere begann sie nach dem Eintritt in die SPD 1965 in der Kommunalpolitik. Von 1974 bis 1977 war sie Vorsitzende der Jungsozialisten - als Vorgängerin von Klaus Uwe Benneter, dem dann Gerhard Schröder nachfolgte. Nach einer Zwischenstation im Europaparlament gelang der "roten Heidi" in den 80er Jahren zunächst der Sprung in den Parteivorstand, dann ins SPD-Präsidium. Seit 1987 ist die Vorsitzende des SPD-Bezirks Hessen-Süd Mitglied des Bundestages.

Ministeramt

Der Griff nach ganz oben folgte 1993, als Wieczorek-Zeul sich nach dem Rücktritt von Björn Engholm gemeinsam mit Schröder und Rudolf Scharping in einer Mitgliederbefragung um den SPD-Vorsitz bewarb. Scharping gewann, aber Wieczorek-Zeul wurde noch im selben Jahr zur stellvertretenden Parteichefin gekürt. Mit der Regierungsübernahme von Rot-Grün übernahm sie 1998 auch das Amt der Bundesentwicklungsministerin.

Als Kabinettsmitglied machte sich Wieczorek-Zeul besonders für die Entschuldung der ärmsten hochverschuldeten Entwicklungsländer und für eine gerechte Welthandelsordnung stark. Auch trug sie maßgeblich mit zu dem Beschluss der EU-Staaten bei, ihre Entwicklungsleistungen bis zum Jahr 2015 auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. In Deutschland blieben ihre Fortschritte hier allerdings angesichts knapper Kassen zunächst begrenzt.

Als politischen Abschied sieht die "rote Heidi" den Verzicht auf ihr Parteiamt nicht: "Ich werde weiter dafür arbeiten, dass die unterschiedlichen politischen Kräfte in der SPD integriert werden", erklärte sie am Dienstag, "genauso wie auch Reformpositionen mit Positionen der sozialen Gerechtigkeit miteinander verknüpft bleiben und bleiben müssen". Die gegen sie erhobenen Schuldzuweisungen wies Wieczorek-Zeul zurück: "Der Konflikt wäre nicht durch den stellvertretenden Vorsitz zu lösen gewesen, denn es ging um die Frage eines politischen Generalsekretärs." Dies habe wohl auch Müntefering so gesehen, sonst "hätte er mich darauf angesprochen". (APA)

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