Breslau: Gedenktafel für Opfer von Armenier-Massakern vor 90 Jahren

6. November 2005, 19:03
5 Postings

Straßenausstellung von Stadtverwaltung verboten - Österreich anerkennt Geschehnisse nicht als Völkermord

Warschau - Die Erzdiözese Wroclaw (Breslau) hat die zwischen 1915 und 1917 im Osmanischen Reich an den Armeniern begangenen Massaker zum Thema in Polen gemacht. Im Seitenschiff der Wojciech-Kirche ist eine Gedenktafel angebracht worden, die an "1,5 Mio. für ihren Glauben an Jesus Christus ermordete Armenier" erinnert.

An der Enthüllung der Tafel am Sonntag nahm auch der Breslauer Erzbischof Marian Golebiewski teil. Die Armenier hätten vor 90 Jahren einen "wahrhaften Holocaust" erlebt, sagte Golebiewski in seiner Predigt.

Ausstellung verboten

An die Massaker wollte in Wroclaw auch eine Fotoausstellung unter freiem Himmel erinnern. Die Stadtverwaltung ließ die Schau nach wenigen Tagen jedoch wieder abmontieren. Nach Angaben der armenischen Gemeinde in Wroclaw handelte die Stadtverwaltung auf Druck der türkischen Botschaft in Warschau.

"Wir konnten nicht zulassen, dass solche drastischen Bilder in der Öffentlichkeit dargestellt und so auch Kindern zugänglich gemacht werden", gab der Leiter des Breslauer Kulturamtes, Jaroslaw Broda, eine andere Begründung für die Maßnahme. Die Fotos zeigten unter anderem Massengräber und die Leichen verhungerter Kinder.

Nachfahren in Wroclaw

Die armenische Gemeinde in Wroclaw zeigte sich empört über das Verbot der Ausstellung. "Die Türkei gibt den Völkermord bis heute nicht zu und versucht, das Thema auch in Polen zu vertuschen", erklärte Tadeusz Isakowicz-Zaleski, der oberste Geistliche der armenischen Gemeinde. Während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach wurden Tausende von Armeniern aus der heutigen Westukraine vertrieben und ließen sich vor allem in Wroclaw nieder.

Völkermord-Vorwurf "einseitig"

Das Europaparlament, die UNO sowie eine Reihe von Parlamenten Europas und des Mittelmeerraumes haben die Massaker und Todesmärsche trotz heftiger Proteste der Türkei als Völkermord anerkannt. Österreich ist nicht darunter. Nach armenischen Quellen waren bei den Massakern 1,5 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Die Türkei hat den Vorwurf eines Genozids an den Armeniern stets energisch zurückgewiesen.

Das polnische Parlament verabschiedete erst heuer im April eine Entschließung zu den Massakern. Die Türkei wies diese umgehend zurück. Es sei "verantwortungslos", die Ereignisse im Ersten Weltkrieg, die Türken und Armeniern großes Leid zugefügt hätten, "zu verdrehen und einseitig als Völkermord zu bewerten", so die Reaktion Ankaras. (APA)

Share if you care.