Von Irrungen und Wirrungen

7. November 2005, 12:42
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Irrtum und Fälschung gehören zur Wissenschaft wie die Erkenntnis. Und wie die Tatsache, dass viele Denker einst irrtümlich als Fantasten bezeichnet wurden. Ein kurzer Blick in eine andere Geschichte der Wissenschaft anlässlich einer neuen CD über "Sackgassen des Geistes"

"Es irrt der Mensch, solange er strebt." Aus der Geschichte der Wissenschaft sind einige Beispiele bekannt, die zeigen, dass Goethe mit seiner Meinung so falsch nicht lag: Es gab unzählige Forscher, Erfinder und Entdecker, die sich irrten, wie eine neu erschienene CD mit dem Titel "Unglaublich, aber falsch - Sackgassen des Geistes" nun wieder zeigt: Kolumbus dachte bekanntlich bis zu seinem Tod, er hätte den Seeweg nach Indien entdeckt. Heinrich Schliemann war fest davon überzeugt, er hätte den Palast des Odysseus gefunden. Schließlich hat man vor mehr als 100 Jahren bei der Messung des Eisengehalts von Spinat ein Komma vergessen, weshalb man jahrzehntelang dachte, dass dieses Gemüse viel Eisen enthalte.

Der Kommafehler war nicht einmalig: Im vergangenen Jahr stellten zwei Wissenschafter der Universität Girona fest, dass es große Köpfe mit dem Aufrunden und Abrunden der Nachkommastellen nicht ganz so ernst nehmen, wodurch in mehreren Fällen die wissenschaftlichen Ergebnisse selbst verschuldete Ungenauigkeiten aufwiesen. Wissenschafter irren aber nicht nur ab und zu, manche von ihnen sind auch durch Fälschungen in die Geschichte eingegangen. Eine solche Fälschung, die zumindest unter Archäologen große Wellen schlug, war der so genannte Archeoraptor. Das Fossil wurde 1999 als Missing Link zwischen Fleisch fressenden Dinosauriern und modernen Vögeln vorgestellt.

Bald stellte sich der Fund als das heraus, was er war: Ein chinesischer Bauer hatte Kopf und Oberkörper eines primitiven Vogels und den Rumpf und die Hinterbeine eines Dinosauriers zusammengeklebt - und das auch noch relativ ungeschickt. Bei weiteren Nachforschungen zeigte sich, dass die aus der nordchinesischen Provinz Liaoning stammenden Fossilien, von bisher unbekannten Spezies stammten. Dabei handelte es sich um einen Micraptor Zhaoianus, einen kleinen, auf zwei Beinen gehenden Fleisch fressenden Dinosaurier, der kleinere Ähnlichkeiten mit heutigen Vögeln aufweist. Der vordere Teil des Archeoraptor gehörte zu dem Fisch fressenden Vogel Yanornis Martini, der bereits fliegen konnte und etwa vor 120 bis 110 Millionen Jahren lebte.

Frage der Kontrolle

Die Frage, ob Fälschungen als solche erkannt werden, liegt an den Kontrollmechanismen in der Wissenschaft. Laut dem Physiker Peter Aichelburg bestimmt eine Community, was Wissenschaft ist - in gewisser Weise sei das mit der Kunst vergleichbar. In der Wissenschaft gebe es zwar die Möglichkeit der Beobachtung und des Experiments, aber auch dabei könnten Probleme auftreten. Ein Experiment muss wiederholt werden können. Wenn allerdings zwei unterschiedliche Forschungsgruppen bei einem Experiment den gleichen Fehler machen, wird dieser unter Umständen erst viel später bemerkt. Entscheidend sei im Endeffekt die Community, die aus Fachleuten besteht.

Aber auch diese können Fehler machen. Und auch dafür gibt es Beispiele: In der Geschichte der Wissenschaft wurden schon zahlreiche große Köpfe als Fantasten bezeichnet, deren Erkenntnisse heute anerkannt sind. Max Planck zum Beispiel gilt heute aufgrund der vom ihm entwickelten Quantentheorie als einer der wichtigsten Physiker des 19. und 20. Jahrhunderts. In seiner Zeit eckte er mit seinen Gedanken gehörig an. Seine 1879 eingereichte Doktorarbeit zum Beispiel, die Erkenntnisse rund um die Thermodynamik enthielt, wurde von Kollegen kritisiert oder abgelehnt.

Planck selbst stellte später völlig verbittert fest, dass sich "eine neue wissenschaftliche Wahrheit" nicht durchsetzt, weil ihre Gegner sich überzeugen lassen, sondern weil sie langsam aussterben. Das gehörte "mit zu den schmerzlichsten Erfahrungen" seines wissenschaftlichen Lebens. (Peter Illetschko, Katharina Santner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 10. 2005)

Buchtipps:

Heinrich Zankl: "Der große Irrtum. Wo die Wissenschaft sich täuschte". Primus, Darmstadt, 2004.

Luc Bürgin: "Irrtümer der Wissenschaft". Bastei-Lübbe. München, 1997

Soeben erschienen: "Unglaublich, aber falsch - Sackgassen des Geistes", eine ORF-Ö1-CD von Reinhard Schlögl
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