STANDARD-Interview: Der Boden für Emanzengeschichten

7. November 2005, 12:49
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Die Bodenbiologin Sophie Zechmeister-Boltenstern wurde Forscherin des Monats. Karin Eckert sprach mit ihr über Treibhausgase und Frauen in der Forschung

STANDARD: Sie analysieren den Klimawandel, seine Auswirkung auf Waldböden und die Bedeutung der Böden für den Klimawandel?

Zechmeister-Boltenstern: Es gibt Bakterien im Boden, die Luftschadstoffe abbauen, und andere, die Treibhausgase wie Methan, Kohlendioxyd und Lachgas produzieren. Wir untersuchen, welche menschlichen Einflüsse den einen oder anderen Prozess fördern. Der Boden atmet und produziert dabei Kohlendioxyd. In Österreich z. B. wird von Böden genau dieselbe Menge Kohlendioxyd produziert wie vom gesamten Autoverkehr. Aber die darauf wachsenden Pflanzen machen das mehr als wett. Wenn aber jetzt ein Wald geschlägert wird, dann ist die CO-Bindung der Pflanzen weg. Wenn Böden im Gebirge auftauen und vermehrt atmen, dann produzieren sie vermehrt CO. Durch die Luftverschmutzung kommen immer mehr Stickstoffverbindungen in die Böden, dadurch sind Böden, die früher Treibhausgase gesenkt haben, heute Quelle für Treibhausgase. Mittels Versuchsanlagen in den Wäldern messen wir die Gasumsätze. Mit mathematischen Modellen werden dann Vorhersagen gemacht, z. B. wie viele Gase europaweit aus den Waldböden kommen.

STANDARD: Welchen Stellenwert hat die Luftverschmutzung in Europa im Vergleich zur Regenwaldabholzung?

Zechmeister-Boltenstern: Es ist ein Puzzlestein. Die hohen Emissionsraten z. B. in Afrika sind natürlich ein großes Problem. Aber hier in Europa haben wir eine massive Luftverschmutzung. Weltweit gesehen haben Europa und die Nordostküste Amerikas die höchsten Stickstoffeinträge.

STANDARD: Auf Ihrem Schreibtisch steht ein Award. Wofür haben Sie den bekommen?

Zechmeister-Boltenstern: Für ein Projekt über Funktion und Artenvielfalt von Bodenorganismen. Bis jetzt haben die Regenwurmzähler die Regenwürmer gezählt und die Käferleute die Käfer. Durch eine Zusammenarbeit ist es möglich, Aussagen über die Wechselwirkungen der Organismen zu machen. Außerdem haben wir neue Arten entdeckt. Es gibt ein Wimpertierchen, das nach mir benannt wurde - in gurkenförmiger Gestalt.

STANDARD: Ihre Studienzeit ist mit dem Aufkommen der Ökologiebewegung zusammengefallen. Hat Sie das beeinflusst?

Zechmeister-Boltenstern: Ja, sehr. An Bäume habe ich mich zwar nicht angekettet, aber wir sind mit der Biolandbaugruppe - das war übrigens etwas ganz Verpöntes damals auf der Boku - mitten in der Nacht in die Au gefahren und haben eine Woche im Schnee gezeltet. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen, war sicher ein ganz starker Beweggrund, in diese Art der Forschung zu gehen.

STANDARD: Wie haben Sie sich damals auf der Biologie durchsetzen können?

Zechmeister-Boltenstern: Als ich Assistentin wurde, hat gerade die erste Frau einen Lehrstuhl am Institut übernommen. Diese Frauen haben aber natürlich auf alles, vor allem auf Familie, verzichtet. Im forstlichen Bereich sind Frauen bis heute ein Exotikum. Auf meinen ersten Tagungen waren lauter Männer in Jagdanzügen! Aber das hat auch Vorteile: Die Kollegen sind sehr kooperativ, weil sie einen nicht als Konkurrenz sehen. Hier im Haus gibt's ganz wenige Forscherinnen und keine einzige Institutsleiterin. Und ich kenne auch sämtliche Blondinenwitze. Aber in so einer Männerwelt muss man das mit Humor nehmen. Ich habe zweimal in meiner Laufbahn bewusst wieder von vorne angefangen. Ich bin z. B. von der Uni weggegangen, weil 70 Stunden arbeiten mit zwei Kindern nicht möglich ist. Wenn ich das aber nicht mache, bin ich unten durch.

STANDARD: Ihr Mann hatte diese Probleme nie?

Zechmeister-Boltenstern: Der hatte andere Schwierigkeiten. Für einen Mann ist es z. B. schwierig durchzusetzen, in Karenz zu gehen oder früher von der Arbeit wegzugehen, um die Kinder abzuholen. Das erfordert viel Charakter, weil er da schnell belächelt wird.

STANDARD: Es heißt, als Frau muss man nicht nur doppelt so hart arbeiten, sondern darf darüber auch nicht reden.

Zechmeister-Boltenstern: Ja, da stößt man schnell auf Ablehnung. Die Reaktionen auf die Forscherin des Monats waren großteils sehr positiv. Und trotzdem: Eine der ersten Reaktionen war: "Ist das wieder so eine Emanzengeschichte?" Einmal habe ich ein Projekt eingereicht. Das war ein reines Frauenprojekt, einfach weil ich zufällig Frauen kannte, die die nötige Qualifikation hatten. Man kennt sich ja, wenn es so wenige Wissenschafterinnen gibt. Das Projekt ist sehr gut bewertet worden. Aber ein Kommentar war, ob denn eine hundertprozentige Frauenquote der Gleichstellung der Geschlechter hilft. Aber der Preis stärkt mir schon den Rücken.

STANDARD: Von 15 betreuten Abschlussarbeiten sind 13 von Frauen. Ist das Zufall?

Zechmeister-Boltenstern: Die habe ich mir zwar nicht herausgepickt, aber die Frauen suchen sich auch Vorbilder. Ich setze mich mit den Studentinnen auch persönlich auseinander und biete ihnen Unterstützung an. Von meinen ganzen Studentinnen ist jetzt - nach vielen Jahren - die erste Mutter geworden. Also ich bin schon auch ein bisschen ein abschreckendes Beispiel, dass das nicht so leicht ist. Diese Illusion hab ich ihnen auch nie gegeben.

STANDARD: Gibt es Unterschiede in der Arbeit mit Frauen?

Zechmeister-Boltenstern: Frauen haben sehr oft weniger Selbstbewusstsein, und deswegen arbeiten sie wie die Wahnsinnigen. Ich arbeite auch gerne mit Männern - da rennt der Schmäh. Sie nehmen nicht alles tierisch ernst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 10. 2005)

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