Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs kommt 2006

19. Dezember 2005, 11:25
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Wirkstoff ermöglicht dauerhafte Immunisierung gegenüber sexuell übertragbare HPV-Viren

Paris - Die zweithäufigste Frauen-Krebserkrankung - das Cervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs, Anm.) - könnte besiegt werden. Eine Impfung mit einer neu entwickelten Vakzine soll in Zukunft 70 Prozent der Erkrankungen verhindern und jährlich weltweit hunderttausende Frauen retten, erklärten Fachleute am Sonntag bei der Europäischen Krebskonferenz in Paris (30. Oktober bis 3. November).

Jährlich 250.000 Tote in Europa

Weltweit erkranken pro Jahr 470.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Rund 250.000 von ihnen, also etwa 50 Prozent, sterben daran. In Europa wird die Diagnose Cervixkarzinom jedes Jahr rund 33.000 Mal gestellt. Es müssen pro Jahr etwa 15.000 Todesfälle durch die Erkrankung registriert werden.

Dabei ist die Ursache von Gebärmutterhalskrebs bekannt. Die Krebs-Epidemiologin Nubia Munoz (Lyon/Frankreich) erklärte, dass 100 Prozent der Erkrankung durch anhaltende Infektion mit dem Human Papilloma Virus (HPV, "Warzenviren) verursacht seien, ebenso 80 Prozent der Fälle von Analkarzinomen, 25 Prozent von Peniskarzinomen und rund zehn Prozent der Karzinome im Mund und im Kehlkopf.

Vor allem die HP-Virusstämme 16 und 18 sind gefährlich: 70 Prozent der Menschen haben einmal in ihrem Leben eine solche Infektion. Bei den meisten von ihnen verschwindet das Virus wieder. Doch bei einer anhaltenden symptomlosen Infektion drohen dann die Krebserkrankungen. Die HP-Virusstämme 6 und 11 wiederum erzeugen lästige Genitalwarzen.

Regelmäßige Vorsorge

Zwar kann Gebärmutterhals sehr zuverlässig durch die ein Mal jährlich bei/m der GynäkologIn durchgeführte Abstrichuntersuchung auch schon in Vorstadien diagnostiziert und im Frühstadium faktisch immer durch Operation geheilt werden, doch längst nicht alle Frauen gehen regelmäßig zu diesen Untersuchungen. Die Infektion wird von den Männern via sexuelle Kontakte übertragen - die Frauen können dann Jahre später an Krebs erkranken.

Doch jetzt gibt es Aussicht auf eine generelle Verhütung der Krankheit: Mit "Gardasil" hat der Impfstoffkonzern Sanofi Pasteur MSD eine Vakzine entwickelt, die gegen die HPV-Stämme 6, 11, 16 und 18 schützt. Die beiden letzteren sind für 70 Prozent der Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich. Der Schutz vor HPV-6 und 11 verhindert Genitalwarzen.

Medikament erzeugt Abwehrreaktion

Der Impfstoff, der gegen Gebärmutterhalskrebs und Genitalwarzen schützen soll, besteht aus künstlich erzeugten Quasi-Virus-Partikeln ohne Erbsubstanz. Die WissenschafterInnen bauten aus jeweils 72 Hüllenteilen (L1-Protein) der Viren einfach solche Strukturen nach, die für das menschliche Immunsystem die echten Erreger imitieren und eine jahrelang anhaltende Abwehrreaktion erzeugen. Er soll kommendes Jahr zugelassen werden.

Alle klinischen Studien an Probanden, die in den vergangenen Jahren weltweit - auch unter Beteiligung von Fachleuten der Universitäts-Frauenklinik am Wiener AKH - abgelaufen sind, verliefen erfolgreich. "An den Untersuchungen haben mehr als 25.000 Personen teilgenommen. Mit drei Impfungen (Tag 1, nach zwei und nach sechs Monaten) wurden Ansprechraten von 100 Prozent (Abwehrreaktion gegen HPV) erzielt", erklärte Sven-Eric Olsson vom Karolinska-Institut in Stockholm.

Doch auch die echte Schutzwirkung gegen das Entstehen von Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs nach der Impfung reicht offenbar an 100 Prozent heran. Olsson: "In einer wissenschaftlichen Untersuchung wurden 12.167 Frauen im Alter zwischen 16 und 23 mit der echten Vakzine oder einer Scheinlösung (Placebo, Anm.) geimpft. Bei jenen Frauen, die alle drei Impfungen erhalten hatten, gab es keinen einzigen Fall einer Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs oder eines Karzinoms. Bei Frauen, die nur eine Impfung bekamen wurde ein Fall registriert, in der vergleichbaren Placebo-Gruppe (ebenfalls nur eine Injektion, Anm.) hingegen 36. Auch hier lag die Wirksamkeit bei 97 Prozent."

Immunisierung vor erstem Geschlechtsverkehr

Wichtig wäre es, wenn Mädchen schon im Alter von zehn bis 15 Jahren - am besten vor den ersten sexuellen Kontakten - gegen HPV immunisiert würden. 50 bis 60 Prozent der HPV-Infektionen ereignen sich nämlich schon im Rahmen der ersten Sex-Erfahrungen.

Bei den KrebsspezialistInnen sorgt die HPV-Impfung international für Aufregung. Der Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin I am Wiener AKH, Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski: "Das ist sensationell. Die Frage ist nur, wie man die jungen Frauen zu der Impfung bringt. Den richtigen Zeitpunkt für die Immunisierung sehe ich zum Beispiel in einer Jugend-Gynäkologieambulanz. Ideal wäre die Impfung vor den ersten sexuellen Aktivitäten. Das ist ein enormer Schritt vorwärts."

Diskutiert wird derzeit auch, ob in Zukunft auch junge Burschen gegen HPV immunisieren werden sollen. Denn die Männer sind genau so betroffen, infiziert und Überträger der Krebs erregenden Warzenviren. (APA)

  • Das Papillomavirus kann zu Krebs führen. Ab 2006 gibt es eine Impfung dagegen.
    foto: embo
    Das Papillomavirus kann zu Krebs führen. Ab 2006 gibt es eine Impfung dagegen.
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