Vom perfekten Schieflaufen

28. November 2005, 16:17
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Die schottische Autorin A. L. Kennedy im STANDARD-Interview über ihr Buch "Paradies", die Passionsgeschichte der Alkoholikerin Hannah

Standard: Ist es eigentlich deprimierend, das triste Leben einer 40-jährigen Alkoholikerin zu beschreiben?

Kennedy: Im Gegenteil! Dieses Buch war viel lustiger zu schreiben als die anderen. Hannah ist eine gute Begleiterin. Sie ist oft amüsant, hat ungewöhnliche Gedanken, sie kann sehr witzig sein. Trotzdem: Im richtigen Leben möchte man eine Frau wie sie lieber nicht treffen.

Standard: Obwohl einige witzige Szenen vorkommen, ist die Handlung eher deprimierend.

Kennedy: Sicher. Aber gerade weil die Geschichte so traurig ist, musste ich sie zwischendurch lustig machen, sonst wäre sie zu schwer zu lesen.

Standard: Warum haben Sie Alkoholismus gewählt und nicht Heroin- oder Kokain-Abhängigkeit?

Kennedy: Ich wollte etwas, das nichts mit Trends zu tun hat. Alkohol ist in unserer Gesellschaft traditionell verwurzelt und hat sogar eine spirituell-religiöse Bedeutung. Auf Englisch sagt man ja auch "spirit" dazu, das ist sehr interessant.

Standard:Eine inspirierende Wirkung sagt man Alkohol allerdings nicht nach.

Kennedy: Nein, ein Rausch macht einen langsam, alles verschwimmt.

Standard: Halten Sie Alkohol für gefährlich?

Kennedy: Ich trinke nicht, weil ich einen klaren Kopf behalten will. Aber ich habe keine besondere Meinung dazu - Alkohol ist eine Chemikalie, die abhängig machen kann. In England ist jeder Achte abhängig, das ist traurig. Ich wollte mit "Paradies" jedoch nicht Drogenaufklärung betreiben. Das ist nicht mein Job.

Standard: Haben Sie für das Buch mit Alkoholikern über ihre Sucht geredet oder sonstige Recherchen angestellt?

Kennedy: Das ist ja nicht nötig. Alkoholsucht funktioniert wie jede andere Obsession. Hannah ist bloß eine Person, die intensiv liebt - viele Leute lieben intensiv, beschäftigen sich leidenschaftlich mit einer Sache oder Person. Das ist eine gewöhnliche Erfahrung, die ich auch von mir kenne.

Standard: Hannah erlebt das Trinken mit allen Sinnen. Sie würdigt das Etikettendesign, das Geräusch, wenn die Flüssigkeit ins Glas plätschert, wie der erste Schluck schmeckt. Ist Saufen für sie wie Sex?

Kennedy: Ich musste alles detailliert beschreiben, weil ich nicht annehme, dass jeder Leser Alkoholiker ist und weiß, wie Sucht sich anfühlt. Ich wollte Hannahs Obsession in allen Facetten nachvollziehbar machen und habe sie daher wie eine Liebesbeziehung zu einem Menschen beschrieben. Die meisten Leute wissen, was Liebe ist, und verstehen Hannah dadurch besser.

Standard: Wie immer, wenn ein Buch in der Ichform verfasst ist, drängt sich diese Frage auf: Wie viel A. L. Kennedy steckt in Hannah?

Kennedy: Nichts. Die Ichform ist die beste Technik, um diese Art der Selbstbesessenheit zu beschreiben: Jeder Abhängige denkt ununterbrochen "ich, ich, ich". Ich wollte erreichen, dass die Leser in Hannah hineinschlüpfen, sie spüren.

Standard: Was sollen die Leser dabei spüren?

Kennedy: Dass man sehr einsam wird, wenn man so selbstsüchtig ist. Hannah ist in sich eingesperrt.

Standard: Sie blendet die Welt so gut aus, dass sie nicht einmal merkt, dass England den Irakkrieg mitmacht. Ist das wirklich plausibel?

Kennedy: Selbstverständlich! Sie sieht im TV nur die Shoppingkanäle, liest keine Zeitungen, redet nur mit anderen Alkoholikern - wie sollte sie da irgendwas mitkriegen?

Standard: Welchen Urschmerz versucht sie denn zu ertränken?

Kennedy: Keinen. Sie ist vom Alkohol so beschädigt. Meiner Meinung nach ist Alkoholismus eine Krankheit wie jede andere. Man wird ja auch nicht Diabetiker, weil einen die Mutter so mies behandelt hat. Ich wollte keine Hollywood-Story schnitzen, mit lieblosem Elternhaus und all diesen Klischees.

Standard: Hannahs Eltern sind ein beinahe unnatürlich verständnisvolles Paar . . .

Kennedy: Alles ist perfekt, und dennoch geht etwas furchtbar schief. So was kann passieren.

Standard: Alle Versuche Hannahs, trocken zu werden, scheitern. Nüchtern zieht sie die Bilanz: "Kein Trinken, kein Sex, keine Liebe, keine Freude, kein Kind. Hannah = nichts". Woher kommt diese Leere?

Kennedy: Sie säuft seit 20 Jahren, sie hat wirklich nichts außer den Suff. Sie ist in dieser fürchterlichen Situation, weil sie trinkt, und wenn sie nicht trinkt, merkt sie, in welcher Situation sie ist.

Standard: Ist es schwierig, über eine Person zu schreiben, die selten weiß, wo sie gerade ist, was passiert ist? Oder ist das sogar bequem, da beim Schreiben die Gesetze der Logik nicht beachtet werden müssen?

Kennedy: Es ist ein Vergnügen, die konventionellen Handlungsabläufe teils zu verlassen, aber man muss sich disziplinieren, weil das Buch sonst völlig unverständlich würde. Der Leser soll Hannahs Konfusion spüren, aber er soll sich nicht denken: Oh mein Gott, worum geht es eigentlich?

Standard: Sind Sie beim Schreiben der Boss oder bestimmen die Figuren, wohin die Reise geht?

Kennedy: Es ist eine Kollaboration. Am Anfang habe ich das Sagen, dann gewinnen die anderen an Einfluss und treffen eigene Entscheidungen.

Standard: Das klingt wie eine Persönlichkeitsspaltung?

Kennedy: Nein, es ist, als würde man an einen Freund denken. Man stellt sich vor, was er macht und denkt.

Standard: Sie sind eine Vielschreiberin. Wie stehen Sie zu Ihren alten Büchern?

Kennedy:Ich interessiere mich nicht mehr für sie. Es ist wie mit Gästen. Man hat sie gern im Haus, aber später hat man genug von ihnen.

Standard: Sie schreiben eine politische Kolumne für den "Guardian". Was bezwecken Sie damit?

Kennedy: Momentan pausiere ich, weil ich an einem Roman schreibe. Aber danach will ich weitermachen. Ich fühle mich verpflichtet, öffentlich zu sagen, was schief läuft in unserem Land - beinahe alles läuft ja schief. Wir sind illegal im Krieg, foltern Menschen. Das ist furchtbar, man darf dazu nicht schweigen. Ich habe das Privileg, dass ich den Guardian anrufen und sagen kann, lasst mich das machen, und sie lassen mich.

(DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11.2005)

Mit A. L. Kennedy sprach Susanne Rössler

Zur Person

Die 1965 im schottischen Dundee geborene A. L. (Alison Louise) Kennedy ist eine der bekanntesten und produktivsten Autorinnen Großbritanniens. Alle Romane und Erzählbände - u. a. "Stierkampf", "Also bin ich froh", "Ein makelloser Mann", "Alles was du brauchst", "Einladung zum Tanz" - wurden Bestseller. A. L. Kennedy - das Kürzel ist ein Tribut an J. R. R. Tolkien - lebt in Glasgow. "Paradies" ist bei Wagenbach erschienen (23,20 Euro).

  • A. L. Kennedy: "Ich musste alles detailliert beschreiben, weil ich nicht annehme, dass jeder Leser Alkoholiker ist und weiß, wie Sucht sich anfühlt."
    foto: standard/hendrich
    A. L. Kennedy: "Ich musste alles detailliert beschreiben, weil ich nicht annehme, dass jeder Leser Alkoholiker ist und weiß, wie Sucht sich anfühlt."
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