Fassade für Wein

13. Juli 2006, 17:19
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Wie viele Weingläser braucht der Mensch? RONDO hörte sich um, worauf es ankommt

Was ein schlechtes Glas einem Wein "antun" kann, und um wie viel ein Wein gewinnt, trinkt man ihn aus entsprechenden Behältnissen, wird jeder bestätigen können, der einmal ein und dieselbe Kreszenz aus zwei unterschiedlich geformten Gläsern im direkten Vergleich versucht hat. Auch wenn sich die Grundformen der Weingläser heute immer öfter annähern, haben sich die Glaserzeuger für Design und Material unterschiedlichste Zugänge gewählt.

Während sich der Global Player Riedel aus Kufstein über den Soll-Geschmack der jeweiligen Rebsorte in komplexen und langwierigen Versuchsreihen einer Glasform nähert, ging man bei "solution.", jener Serie, die Wilhelm Holzbauer für den Wein & Co mitentwickelt hat, vom Weinstil, - jung, gereift, kräftig etc. - aus. Und Zalto in Neunagelberg formte die Serie "Denk'art" basierend auf den Verkostungserfahrungen von Weinpfarrer Hans Denk.

Wichtige Details bei jedem guten Weinglas sind Dünnwandigkeit und ein ebensolcher Rand. Beide lösen haptisch-emotional über den Mund ein positives Gefühl aus. Maschinell erzeugte Gläser haben einen Rollrand, der in seiner Dicke vor allem in früheren Zeiten an Babybeißringe erinnert. State of the art ist heute der Mundrand, der bei Zalto zuerst geschliffen und dann durch manuelles Polieren mit einem Korkpolierband wieder glänzend gemacht wird, wie Kurt Zalto, Inhaber der Waldviertler Glashütte erklärt.

Durchsichtig sind sie wohl alle

Doch im Material unterscheiden sich Gläser grundlegend. Bei Zalto verzichtet man im Sinne der "absoluten Reinheit" auf das Mitschmelzen von Bleioxid: Blei sei halt ein Schwermetall und "wird heute in allen Gegenständen vermieden, die mit Lebensmitteln zu tun haben", so Kurt Zalto. Um die Bezeichnung Bleikristallglas verwenden zu dürfen, muss laut EU-Richtlinie mindestens 24 Prozent Bleioxid im Material enthalten sein. Bei Riedel schwört man darauf: "Blei kann im Glas rein optisch noch nicht ersetzt werden, weil man nur so diesen unvergleichlichen, leicht bläulichen Glanz auf die Oberfläche bringt", erklärt Gerald Orehounig, der technische Leiter des Riedel-Werks in Kufstein. Dazu komme, dass durch das höhere spezifische Gewicht gewisse Schwingungen im Glas erzeugt werden, die den Ton schöner klingen lassen.

Glas sei im Grunde "eine Flüssigkeit, die zu kalt ist, um zu gefrieren", erklärt Zalto. Die äußere Form bleibt zwar erhalten, die Glasmasse ist aber in Bewegung, was mit optischen Geräten gemessen werden kann. Unterm Mikroskop habe gutes Glas eine grobporige Oberfläche, ergänzt Orehounig, "das hilft dem Wein bei der Oxidation". Sozusagen als "Dekantierhilfe", damit sich Wein im Glas rascher öffnet, hat die Glashütte Valentin Eisch aus Frauenau in Deutschland das "Breathable Glass" entwickelt, das mit einem "Oxigenierungsverfahren" nach der Fertigstellung behandelt wird.

Handwerklicher Zugang

Bei den Glasverlegern Lobmeyr steht vor allem der handwerkliche Zugang im Vordergrund. Deren Spezialität, ein besonders zartes, so genanntes "Musselinglas" entstand aus der Tradition der venezianischen Glasmacherkunst. Diese Glasart wurde auch für das neue "Achtelglas" verwendet. Ausgangsidee war die der österreichischen Heurigenkultur mit ihren bauchigen Gläsern mit Weinblätter-Dekor, die von der Tiroler Designerin Miki Martinek neu interpretiert wurden. Das Fassungsvermögen entspricht dem Vorbild in Fässchen-Form. Und damit sich das Bouquet des Weines besser entfalten kann, ist das Lobmeyr'sche Achtelglas etwas größer ausgefallen.

Experimentell näherte sich der deutsche Top-Designer Konstantin Grcic dem Weinglas. Grcic fertigte sein Wein-Behältnis "Barrique" aus Holz, denn "Wein wird in Holzfässern aufbewahrt. Holz ist seit immer mit der Esskultur sehr tief verbunden worden." (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/13/05/2005)

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