Berlusconi und Bush sagen Pressekonferenz ab

2. November 2005, 18:51
20 Postings

Italiens Ministerpräsident habe versucht, Irak-Krieg zu verhindern - Opposition reagiert überraschtauf Berlusconis Aussagen

Rom - Die italienische Opposition reagiert überrascht auf die Worte von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi über den Irak-Krieg. Am Wochenende hatte Berlusconi mit der Behauptung für Aufregung gesorgt, er habe US-Präsident George W. Bush mehrmals vom Krieg gegen den Irak abhalten wollen. "Ich habe bei mehreren Gelegenheiten versucht, den amerikanischen Präsidenten zu überzeugen, keinen Krieg zu führen", sagte Berlusconi in einem am Samstag im Voraus veröffentlichten Interview mit dem Fernsehsender La7, das am Montag ausgestrahlt wurde.

Er habe mehrere andere Lösungen gesucht, auch eine gemeinsame Intervention mit dem libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi, meinte Berlusconi. "Wir haben das nicht geschafft und es kam zur Militärintervention. Ich glaube, man hätte dies vermeiden sollen". Berlusconi, der sich seit Sonntag zu Besuch bei US-Präsident George W. Bush befindet, sagte weiter, er sei nicht überzeugt, dass der Krieg das beste System sei, "um ein Land demokratisch zu machen und es von einer - auch blutigen - Diktatur zu befreien".

Pressekonferenz abgesagt

Am Montag wurde überraschend bekannt, dass die für denselben Tag angesetzte gemeinsame Pressekonferenz von Bush und Berlusconi abgesagt worden sei - möglicherweise wegen Irritationen des US-Präsidenten wegen der neuen Pläne Berlusconis. Die italienische Tageszeitung "Il Messaggero" mutmaßte hingegen, Bush wolle auf diese Weise unangenehmen Journalisten-Fragen zur jüngsten CIA-Affäre aus dem Weg gehen.

Prodi überrascht

"Seit zweieinhalb Jahren behaupten wir, dass man die Demokratie nicht mit Krieg in ein Land einführen kann. Jetzt hat es endlich auch Berlusconi begriffen", so der italienische Oppositionschef Romano Prodi. Auch amerikanische Medien reagierten überrascht auf Berlusconis Worte. "Berlusconi war bisher einer der loyalsten Verbündeten von Bush in Europa", berichtete die Tageszeitung "Washington Post". Laut der Tageszeitung bemüht sich Berlusconi aus Wahlgründen um einen vorzeitigen Abzug der italienischen Truppen aus dem Irak. Der italienische Regierungschef hofft bei den am 9. April geplanten Parlamentswahlen auf eine Wiederwahl.

Rückzug von Italiens Truppen

Nach Angaben italienischer Medien will Berlusconi bei seinem Treffen mit Bush Grünes Licht für einen vorzeitigen Rückzug von Italiens Truppen aus dem Irak erhalten. Der Regierungschef will der im Juni 2003 begonnen italienischen Mission im Irak so rasch wie möglich ein Ende setzen. "Es ist plausibel anzunehmen, dass unser Kontingent im ersten Halbjahr 2006 wieder heimgeholt werden könnte", sagte der italienische Verteidigungsminister Antonio Martino am Wochenende. Eine erste Gruppe von 300 Soldaten war kürzlich schon aus dem Irak zurückgekehrt, derzeit hat Italien noch rund 2.900 Mann im Südirak stationiert.

Sicherheitsoperationen

In dem von den italienischen Truppen überwachten Gebiet würden mittlerweile 80 Prozent der Sicherheitsoperationen von den irakischen Streitkräften wahrgenommen, sagte Martino. "Wir nähern uns also dem Zeitpunkt, wo der Irak in der Lage sein wird, sich um seine Sicherheitsinteressen selbst zu kümmern." Seit dem Beginn des Irak-Einsatzes sind 27 italienische Soldaten in dem Golfstaat ums Leben gekommen. (APA/Red)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Archivaufnahme vom Dezember 204.

Share if you care.