Skoceks Zeitlupe: Großstadtlichter

2. November 2005, 15:54
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Rapid hat mehrere innovative Maßnahmen getroffen - Sie hat mit Zellhofer einen Trainer bestellt, der kein großer Ex-Kicker der "78er-Generation" ist und nicht auf den Polster seiner Fußballerlorbeeren pocht...

Rapid hat dieser Tage mehrere innovative Maßnahmen getroffen. Sie hat mit Georg Zellhofer einen Trainer bestellt, der kein großer Ex-Kicker der "78er-Generation" ist und nicht auf den Polster seiner Fußballerlorbeeren pocht. Er ist als Trainer international relativ unerfahren, auch wenn er mit Pasching mehrfach im UEFA-Cup arbeitete.

Doch wer den Dorfklub Pasching vom Hobbykick in die Bundesliga führt, ist wohl ein systematischer Arbeiter. Das dürfte ihm unter anderem den Vorzug vor Heribert Weber (gilt wohl als "out of business"), Peter Pacult (gemischte Nachrede als Trainer) und Walter Schachner (zu teuer oder zu kompliziert?) eingebracht haben.

Rapids zweiter Reformschritt: Zellhofer hat im Unterschied zu Ivica Osim, mit dem offenbar nicht verhandelt wurde, keinen großen internationalen Ruf. Und drittens lernte er im Unterschied zum Amstettner Josef Hickersberger und anderen Kickergrößen das Leben in einer richtigen Großstadt nicht schon als Kicker kennen und schätzen. Das ist die dritte Innovation: Rapid vertraut ihren wichtigsten Posten einem urbanen Quereinsteiger an. Der Trainer von Rapid ist wie der Trainer jedes urbanen Großklubs mit nationalem Sexappeal nicht bloß Coach, er muss die Lobbys im Klub und den Erwartungsdruck von außen austarieren. Er entscheidet über ein Spielerbudget von zehn Millionen Euro mit allen angeschlossenen Begehrlichkeiten und über das Glück Hunderttausender Fans.

Der Fachmann Zellhofer wird nicht nur Rapids Mannschaft, sondern auch sich selber neu definieren müssen. Ein spannender, gefährlicher Evolutionsprozess. Und nirgend ist die Finsternis so dick wie hinterm Neonlicht. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 31. Oktober 2005, Johann Skocek)

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