Der Jammer mit der Qual der Wahl

6. November 2005, 17:43
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Die Mannschaft von Austria Wien zeigte während des 0:0 gegen die Jungschar von Wacker Tirol schwere Symptome des Zerfalls

Wien - Peter Stöger hatte Verständnis: "Das Pfeifkonzert der Leute verstehe ich. Auch die Reaktion gegen Schinkels. Was wir heute gezeigt haben, hatte nur äußerlich mit Fußball zu tun." Der Sportdirektor der Austria meinte wohl das Spielgerät, die Dressen, die Anzahl der Akteure, vielleicht deren Entlohnung, die Arbeitszeit und den Arbeitsplatz. "Wir wollen die Austria sehen", sangen die rund 6000 Fan-Machochisten. Ein Riesentransparent trieb einen dummen Wortwitz mit des Trainers Schinkels' Namen.

Günter Kronsteiner wurde angeblich gefeuert, weil die Austria nicht gut spielte. Derzeit spielt sie so schlecht wie seit vielen Jahren nicht mehr, hat seit vier Partien kein Tor mehr geschossen, und wer das Spiel sah, kann sich kaum vorstellen, wie sich das ändern soll. Sigurd Rushfeldt erweckte gegen Tirols Verteidigung den Eindruck eines alternden Sportlers. Roland Linz springt die Gegner an oder legt sie von hinten, bei Zweikämpfen zuckt er zurück, er kann kaum einen Gegner überspielen und vergab seine einzige Chance. Sionko schoss einmal an die Latte (81.). Das war es dann. Der definitive Ausdruck der Ratlosigkeit war dann, den Zweitliga-Stürmer Joachim Parapatits einzuwechseln.

Vor einem Jahr war die Truppe drauf und dran, nach vielen Jahren der Planlosigkeit unter Kronsteiners und Lars Söndergaards Führung Kontur zu gewinnen. Dann inthronisierte Frank Stronach, wie das Szenegerücht geht, auf Betreiben Skender Fanis Anton Polster, der seit vielen Jahren mit dem Klub nichts mehr zu tun hatte, als "Generalmanager". In diesem Augenblick endete Austrias Zukunft. Polster mag jetzt öffentlich seinen Ex-Arbeitgeber Stronach der Ahnungslosigkeit zeihen und ihn nach seiner Entlassung vor Gericht zitieren, die Unruhe begann, als Polster, "die Ikone", den Verein enterte. Stronach kann man vorwerfen, dass er Polster engagierte und das in dieser Liga völlig unerfahrene Duo Stöger/ Schinkels installierte.

Die beiden Jungcoaches scheitern derzeit auch an ihren guten Vorsätzen. Sie bauen Jungprofis wie Franz Schiemer und Andreas Schragner ein, die einfach (noch?) nicht gut genug sind, dafür bleiben gute Leute wie Mila oder Ceh (der mit dem harmlosen Lasnik rotieren muss) draußen. Die Mannschaft wirkt uneingespielt, nervös, unkreativ, die Guten (Ceh, Sionko) haben keine Form, die Jungen können keine haben, und Fernando Troyansky darf herumtraben.

Am Samstag drückte Tirols teils naive Unerschrockenheit nicht zuletzt in der Person des Stürmers Olushola Aganun so stark auf die unstabilen Nerven der Austrianer, dass sogar Mario Tokic eine Hektik aufriss, technische Fehler beging.

Falls die Austria tatsächlich einen langfristigen Plan verfolgt, ist die Untermischung mit Jungen einzusehen. Leider wird das Team so nie ins Laufen kommen, die Nachwuchskicker werden sich dann nicht zu Profis, sondern zu Nerverln entwickeln, die Fans werden weiter buhen, Stronach wird die Geduld verlieren und die Trainer auswechseln, und der schöne Plan ist wieder hin.

Wie man es dreht und wendet: Alles beginnt und endet mit einer funktionierenden Mannschaft. Solange Stöger/Schinkels diese Kernaufgabe nicht lösen, wirkt auch der Einbau des Nachwuchses gekünstelt. Oder wie ein Mäntelchen der Ratlosigkeit. Und niemand weiß, wie lange die beiden noch rätseln dürfen. Es steht zu befürchten: Auch da fehlt der Plan. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 31. Oktober 2005, Johann Skocek)

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    Szene aus dem Horr-Stadion: Austrias Andreas Schragner liegt bäuchlings auf dem Rasen, Tirols Andreas Hölzl hat leichtes Kopfweh. Die Austria konnte ihren Zerfall bestätigen.

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    Es gibt/gäbe viel zu tun für Stöger/Schinkels.

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