Marmorbrunnen für die Reichen, Staub für die Armen

4. November 2005, 15:10
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Die Gemeinden mit den reichsten und ärmsten Bewohnern Österreichs - Tweng und Stall - liegen nur 90 Kilometer voneinander entfernt

Ohne Bargeld hat man in Österreichs reichster Gemeinde ein echtes Problem. Kreditkarten werden bei der kleinen Tankstelle nicht akzeptiert. Und einen Bankomat sucht man innerhalb der Ortsschilder von Tweng im Salzburger Lungau vergebens. Den gibt es erst in jenem Gemeindeteil, dem Tweng sein Geld verdankt: dem Wintersportzentrum Obertauern.

26.007 Euro netto kann jeder einzelne der 313 Bewohner von Tweng jährlich ausgeben, hat das Marktforschungsinstitut Fessl-GfK errechnet. Die kleine Gemeinde hat damit die kaufkräftigste Bevölkerung, erläutert Odilo Seisser von Fessl-GfK.

Im ganzen Land wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer breiter, warnte die Caritas am vergangenen Freitag. 460.000 Österreicher leben in Armut, zwei Jahre zuvor waren es noch 300.000 Betroffene. Insgesamt galt im Jahr 2004 über eine Million Menschen als "armutsgefährdet", zeigt die aktuellste Statistik des Sozialministeriums.

Hübsch gestrichen

In Tweng gehört man rechnerisch gesehen nicht dazu - wie ein Hort der Superreichen sieht der Ort aber auch nicht aus. Hübsch gestrichene Hotels und Gasthöfe. Ein Arbeiter, der den Rasenstreifen neben der Bundesstraße mäht. Ein Springbrunnen aus Sölker Marmor vor dem Gemeindeamt.

"Den haben wir vor zwei Jahren gebaut", präsentiert ihn Bürgermeister Franz Pöllitzer nicht ohne Stolz. Auch Verkehrsinseln, Straßenbeleuchtung und Gehsteige wurden damals errichtet. "Damit der Talort näher an Obertauern heranrückt." Denn "im Endeffekt ist Tweng sehr vernachlässigt worden", gesteht der VP-Ortschef ein. Das Geld wird im Gemeindeteil Obertauern verdient, wo rund 3400 Betten in den Tourismusbetrieben auf Gäste warten. 370.000 von ihnen kamen im Vorjahr, gut 80 Prozent davon im Winter.

Intensiv-Tourismus Wegen des intensiven Tourismus ist Pöllitzer über den Spitzenrang bei der Kaufkraft zwar überrascht, aber nicht wirklich verwundert: "Wir haben wenig Einwohner und eine hohe Nächtigungszahl." Wie reich seine Bürger wirklich sind, wagt er nicht zu beurteilen, sein Gemeindebudget von 1,6 Millionen Euro kann er aber scheinbar ohne größere Probleme füllen: Nach der Ortsbildgestaltung wird nun ein neuer Bauhof gebaut.

90 Straßenkilometer weiter kann man von solchen Vorhaben nur träumen. Stall im Kärntner Mölltal nimmt bei der Kaufkraft der Bewohner den letzten Platz ein. 10.744 Euro netto hat jeder der 1886 Einwohner jährlich zum Ausgeben, sagt die Statistik. "Wir haben hier ja hauptsächlich Bauern, Hausfrauen und Pensionisten. Die Männer sind alle fort und arbeiten am Bau, sogar in Schweden. Und die Jungen gehen weg, sobald sie die Matura haben. Bei uns gibt es einfach keine adäquaten Jobs", analysiert Amtsleiter Hannes Brandtner leicht resigniert.

Große Sprünge kann man mit dem Gemeindebudget nicht machen, derzeit ist der Kanal das wichtigste. An der steilen Straße hinauf zur Kirche sind die Arbeiten voll im Gang. Die Gebäude am Straßenrand, hauptsächlich Bauernhäuser aus Stein und Holz, sind grau von dem Staub, den die Maschinen und Lkws aufwirbeln.

Armer Geheimtipp Im Gasthaus "Dorfschenke" sitzt nur ein Gast an der Bar - vor sich eine Flasche Bier und in der Hand eine Fliegenklatsche. Mehr Tourismus könnte auch hier die Situation bessern, glaubt die Wirtin. "Aber man müsste irgendetwas Besonderes finden. Ein großer Hotelklotz passt nicht hierher. Vielleicht ein Feriendorf aus lauter einzelnen Häusern oder so", sinniert sie. "Oder man sagt, pro Saison dürfen nur soundso viele Menschen nach Stall herein, und man muss dann lange vorher reservieren. Schreiben Sie auf jeden Fall, dass Stall ein Geheimtipp ist", bittet sie.

Geheimtipp will man in Tweng keiner sein. "Hier ist praktisch jeder Bewohner Unternehmer oder Gastronom", resümiert Heribert Lürzer, während er zu seinem schwarzen Porsche geht. Auch er und seine beiden Brüder sind in der Tourismusbranche von Obertauern - die "Lürzerbetriebe" gehören ihnen. Als besonders reich sieht er sich aber nicht: "Der Porsche ist schon ein älteres Modell, jeder Audi ist teurer."

Nur in einem Punkt sind sich die reichste und ärmste Gemeinde des Landes relativ ähnlich: bei der Spendenfreudigkeit. Während in Stall bei der heurigen Dreikönigsaktion jeder Bewohner im Schnitt 3,49 Euro hergab, waren es in der Pfarre Tweng/ Mauterndorf nur unwesentlich mehr: 3,98 Euro. (Michael Möseneder, DER STANDARD-Printausgabe 31.10./1.11.2005)

  • Hier beginnt der Reichtum: Über 26.000 Euro hat laut Statistik jeder Einwohner von Tweng im Salzburger Lungau pro Jahr zur Verfügung - mehr als in jeder anderen Gemeinde
    foto: möseneder

    Hier beginnt der Reichtum: Über 26.000 Euro hat laut Statistik jeder Einwohner von Tweng im Salzburger Lungau pro Jahr zur Verfügung - mehr als in jeder anderen Gemeinde

  • Das Ende der Kaufkraft markiert Stall im Kärntner Mölltal. In keiner anderen Gemeinde hat ein einzelner Einwohner so wenig Geld zum Ausgeben wie hier
    foto: möseneder

    Das Ende der Kaufkraft markiert Stall im Kärntner Mölltal. In keiner anderen Gemeinde hat ein einzelner Einwohner so wenig Geld zum Ausgeben wie hier

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