Symphonik kontra Krampfhusten

4. November 2005, 11:37
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Die ersten beiden Konzerte des Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst

Wien - Es ist schwer zu sagen, wann Franz Welser-Möst mehr beeindruckt: wenn er dirigiert oder wenn er nicht dirigiert. Auch Letzteres will nämlich gelernt sein. Im Ge- gensatz zu vielen seiner prominenten Kollegen, die, stehen sie einmal am Pult, ihrem Orchester das Startsignal geben - egal, ob im Saal schon Ruhe herrscht oder nicht -, hat Welser-Möst Geduld und Nerven, jenen Augenblick der absoluten Stille abzuwarten, in dem Musik überhaupt erst ihre Funktion erhält.

Am Samstag, vor dem zweiten der vier Konzerte, aus deren Anlass das Cleveland Orchestra und sein Chefdirigent nun in Wien residieren, war Welser-Mösts Langmut besonders gefordert. Nicht nur vor Beginn herrschte eine im Goldenen Musikvereinssaal ungewohnte Undisziplin, wurde doch auch der Verlauf des Programmes seitens des Publikums durch einen Bronchialchor kontrapunktiert, als hätte die Vogelgrippe nicht erst das Federvieh, sondern auch schon Wiens Musikfreunde erfasst.

Handy spielt Carmen

Dass während der eingangs dann schließlich doch gespielten Chamber Symphony op.2 des 34-jährigen, aus London gebürtigen Pia- und Komponisten Thomas Adés ein unbewachtes Handy ein paar Carmen-Takte beisteuerte, wirkte beinah wie eine charmante Bereicherung der wohl sorgsam disponierten Abläufe, deren trockene Spröde eine Dame im Publikum ausnahmsweise nicht husten, sondern laut protestieren ließ.

Besonders bedauerlich, dass auch die folgende Wiedergabe von Gustav Mahlers 9. Symphonie vor einer akustisch ziemlich dicht gewebten Hustentapete stattfinden musste. Sie beeinträchtigte nämlich gerade die lyrischen Phasen dieses Werkes. Diese prägen nicht nur den Charakter von Gustav Mahlers symphonischem Abschiedswerk, sondern sie sind auch hörbar die Domäne von Welser-Möst.

Die beiden Ecksätze sind es, in denen er den beeindruckend virtuosen Gesang des Orchesters emotional zu spürbarer Erlebnisdichte auflädt. Die Kultur und die Innigkeit, mit der er dieses Werk ver-und aushauchen lässt, hat ihre Wirkung auf das Publikum nicht verfehlt.

Ähnliches ist auch vom ersten, glücklicherweise unter weniger quälenden akustischen Bedingungen erfolgten Auftritt der Clevelander zu berichten. Wie schon sein Vorgänger Christoph von Dohnányi scheint auch Welser-Möst eine Vorliebe für eine Kombination von Johannes Brahms und Charles Ives zu hegen. Diesmal wurde die erste Symphonie von Brahms mit der zweiten des Amerikaners kombiniert.

Und bei Brahms beeindruckten besonders die kantablen Passagen. Dafür musste man allerdings in Kauf nehmen, dass die wie eine Dampfwalze losbrechende Einleitung, die alle Themen des Werkes donnernd vorwegnimmt, eher etwas unverbindlich wirkte. Auch die furiosen dynamischen Massierungen gerieten wohl außerordentlich laut und im Tempo wohl auch überzogen, blieben aber ohne sonderliche Eindringlichkeit.

Unhörbare Zitate

So vermittelte auch die vor allem von Leonard Bernstein so favorisierte Ives-Symphonie eher jenen Eindruck der ernsthaften symphonischen Seriosität, die der Komponist gerade durch diverse interpolierte Liedzitate vermeiden wollte. Ein Grund, dass diese Ives-Rechnung nicht ganz aufging, mag wohl darin liegen, dass die zitierten Hymnen und Lieder in unseren Breiten völlig unbekannt sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11.2005)

Von Peter Vujica
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