Portrait: Ex-Botschafter Wilson stürzt Weißes Haus in eine Krise

3. November 2005, 13:14
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Schon vor Affäre um Enttarnung seiner Frau für seinen Mut bekannt

Washington - Wie gewöhnlich hält Joseph Wilson mit seinen Worten nicht hinter dem Berg. Als US-Sonderermittler Patrick Fitzgerald nach fast zweijährigen Ermittlungen gegen den einflussreichen Regierungsberater Lewis Libby wegen Behinderung der Justiz, Meineids und Falschaussage Anklage erhebt, lobt Wilson Fitzgerald für dessen "Professionalität, Sorgfalt und Mut". Mut scheint auch das Markenzeichen des ehemaligen US-Botschafters zu sein, dessen offene Worte zum Irak-Krieg hinter der Affäre um die Enttarnung seiner Frau Valerie Plame als Geheimagentin stehen. Für das Weiße Haus hätte sich die Affäre kaum desaströser entwickeln können.

Der frühere US-Botschafter in Gabun und Afrika-Experte im Nationalen Sicherheitsrat ist für viele seiner Landsleute spätestens seit dem Golfkrieg von 1991 ein Held. Als damaliger Geschäftsträger der USA in Bagdad bot er Hunderten US-Bürgern Unterschlupf. Zu einer Pressekonferenz erschien er später mit einer Schlinge um den Hals und forderte den damaligen irakischen Machthaber Saddam Hussein laut fluchend heraus: "Wenn Sie mich hinrichten lassen wollen, dann mit meinem eigenen Strick."

Vorwürfe nicht zu halten

Vor dem Einmarsch der USA im Irak zwölf Jahre später reiste Wilson im Auftrag des Geheimdienstes CIA in den Niger, um Vorwürfen nachzugehen, Saddam Hussein habe in dem westafrikanischen Land Uran für Atomwaffen zu beschaffen versucht. Er kam zu der Erkenntnis, dass die Vorwürfe nicht zu halten waren. Als Bush dennoch an ihnen festhielt, bezog Wilson in einer Zeitungskolumne Stellung gegen den Präsidenten.

Unter der Schlagzeile "Was ich in Afrika nicht fand" schrieb er im Juli 2003 in der "New York Times": "Sollten Informationen einfach ignoriert worden sein, weil sie zu gewissen Vorurteilen über den Irak nicht passten, dann ist es durchaus gerechtfertigt zu sagen, dass wir unter falschen Vorwänden in den Krieg gezogen sind." Kurz danach enthüllte ein konservativer Kolumnist unter Berufung auf zwei "hohe Regierungsmitarbeiter" die Identität von Wilsons Frau. Enttarnte Undercover-Agenten aber können ihre Arbeit nicht mehr ausüben. Viele Beobachter, allen voran Wilson, werteten die Enthüllung deshalb sofort als einen Racheakt.

Am Freitag legte er nochmals nach: Er glaube weiterhin fest daran, dass seine Familie dafür "angegriffen wurde, dass ich die Wahrheit über die Hintergründe gesagt habe, die unser Land in den Krieg geführt haben". Das werde er in Zukunft weiter tun.

Für Wilsons Frau war die Enttarnung verheerend. Fast zwanzig Jahre lang hatte die inzwischen 42-Jährige für die CIA gearbeitet, nun liegt ihre Karriere am Boden. Ihr Doppelleben hatte sie so gründlich geheim gehalten, dass selbst enge Freunde nichts davon wussten. Einige Medien berichteten, Plame habe sich auf Massenvernichtungswaffen spezialisiert. Ein früherer Kollege erzählte, die Mutter von fünfjährigen Zwillingen sei als "inoffizielle Undercover-Agentin" und somit ohne diplomatisches Sicherheitsnetz unterwegs gewesen; wäre sie aufgeflogen, hätten ihr Haft oder sogar der Tod gedroht. Nach den Worten ihrer Freundin Jane Honikman steht sie seit ihrer Enttarnung unter "enormem Stress". Ein CIA-Experte sagte, für ihre Kollegen sei sie "radioaktiv".

Ob Wilson nochmals als strahlender Held aus dem Kräftemessen mit einem Präsidenten herauskommt, ist fraglich. Spätestens, seit er sich mit seiner Frau für das Hochglanzmagazin "Vanity Fair" im Cabrio ablichten ließ, hat sein Image erste Kratzer bekommen. Weitere Medienauftritte, mit denen er für ein neues Buch warb, lassen Kritiker an seinen Beweggründen zweifeln. (APA)

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