Ein 0:0 im Geiste

13. September 2007, 10:40
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Pannoniens Weine im Test: Der Wein-Test Ungarn - Burgenland war ein beinhartes Freundschaftsmatch

Aber der Fußball-Vergleich hinkt etwas angesichts der ballesterischen Leistungen hier zu Lande: Die Vergleichsverkostung bewegte sich auf höchstem Niveau, befand Luzia Schrampf.

Es war eine jener Begegnungen, bei denen Sieger und Besiegte einander auf die Schulter klopfen, um sich gegenseitig zu einem gelungenen Match zu gratulieren: Die Verlierer haben es den Gewinnern schwer gemacht und eine höchst spannende und würdige Partie geliefert. Die Punkteunterschiede sind denkbar gering, sozusagen ein Siegestor in der letzten Spielminute. Die weniger hoch bewerteten Weine dieses Tests sind demnach jene - und darauf sei dezidiert hingewiesen -, welche dieser Jury in dieser Konstellation und Verkostungsabfolge weniger gefallen haben.

Auswahl und Kriterien

Probiert wurden je drei Rotweine aus Ungarn gegen drei aus dem Burgenland verdeckt in drei Preisklassen, die jedoch nicht immer 100-prozentig eingehalten werden konnten, da es in Österreich z. B. nur wenig reinsortigen Merlot gibt: die erste Gruppe bis 10 Letztverbraucherpreis, die zweite bis 25 und die dritte bis ca. 40 €. Daher gibt es drei Sieger, einen in jeder Preisklasse.

Rebsorten und Cuvée-Zusammensetzungen wurden vor der Verkostung bekannt gegeben, um gleichwertige Gegner antreten zu lassen und beispielsweise nicht einen eleganten und zarten Pinot noir mit einer sicher wuchtigeren Cabernet-dominierten Cuvée zu vergleichen. Zwei Weine, Vylyan Cabernet Sauvignon Selection 1999 und Josef Bock Capella Cuvée, wurden auf Wunsch der ungarischen "Trainerbank" etwa eine halbe Stunde vor Beginn der Verkostung in Karaffen dekantiert.

Bewertet wurde ausnahmsweise nach dem 20-Punkte-System. Nach der Verkostung wurde informell und unabhängig von der endgültigen Punkteanzahl nach den Favoriten gefragt. In der ersten Gruppe wurden Vylyan Zweigelt und Esterházy Merlot jeweils zweimal genannt, in der zweiten Gruppe Esterházy Tesoro und Arachon jeweils dreimal und in der obersten Liga Bocks Capella Cuvée drei-, der Kollwentzsche Steinzeiler zweimal.

Zu beachten ist, dass die auseinander gehenden Wertungen zwischen 12 und 18 Punkten einen merkbaren Unterschied markieren, Differenzen zwischen 13 und 15 oder zwischen 16 und 18 Punkten hingegen nur einen minimalen.

Ergebnisse: Bis zehn Euro

Vylyan Zweigelt 2003, Villány, 9,99 €
(wie alle ungarischen Test-Weine bei In Vino Veritas)

Eine österreichische Traditionsrebsorte aus dem mittlerweile bekanntesten und wärmsten Rotweinanbaugebiet im Süden Ungarns. Riecht fruchtig nach roten Beeren und aromatisch; leicht - easy to drink - frisch; schmeckt gut, lang, ein Anflug von Mineralität am Gaumen und im Finish; füllig - mit Pfiff; schmeckt "österreichisch"; "mehr davon". 16,2

Schloss Esterházy, Merlot 2003, Eisenstadt, 12,80 € (ab Hof)
Einer der seltener anzutreffenden reinsortigen Merlots im Burgenland. Frisches, filigranes Bukett; schmeckt nach Kirsche mit etwas Pfeffer, klar, geradlinig, frisch und schön zu trinken, sehr gute Länge; harmonisch; aber auch "o. k., aber eher weitmaschig"; "Himbeeren und nochmals Himbeeren". 15,2

Vylyan Merlot 2003, Villany, 10,5 €
Auf dem Familienweingut (ca. 100 ha), 1997 erstmals am Markt, setzt man auf Barriqueausbau und zweijährige Reifezeit. Wieder schöne Frucht, Kirschen und Erde; etwas mineralisch-steinig, dezente Gewürznoten, gut gemacht, gute Harmonie, elegant; kräftige Säure, "eng", aber Potenzial; "mehr davon". 15,2

Liszt Kellerei, Chateau Kajmád 2002, Szekszárd (Cabernet
Sauvingon, Merlot, Blaufränkisch), 8,70 €

In Szekszárd, südlich von Budapest auf dem Weg nach Villány gelegen, produziert man vor allem würzige Rotweine mit kräftiger Säure vorzugsweise aus oben genannten Sorten. Riecht etwas nach Ledersattel und dunklen Kirschen, gute Frucht-Konzentration auch am Gaumen, ebenso dezente, pfeffrige Aromen; würzig, leichte Brombeernoten, schön trocken, mit Biss; reife Süße, lang. 14,6

Claus Preisinger, Zweigelt, 2003, Gols, 7,90 €
(BurgenlandVinothek, Wien)

Klassischer Zweigelt des Pannobile-Youngsters, der vor allem mit Pinot noir und der Cuvée "Paradigma" Furore machte. Ein sehr weicher Wein, einfach wenig interessant; klare Frucht fehlt; sehr ernsthaft auf Kosten der Finesse; "schmeckt ungarisch"; schlank, "dünner". 13,6

Gruppe bis 25 Euro

Arachon T.F.X.T, evolution 2002, (Blaufränkisch, Cabernet
Sauvignon, Merlot, Zweigelt) Horitschon, ca. 22 € (Fachhandel)

Väter dieser mittelburgenländischen Cuvée (1996 erster Jahrgang) sind F. X. Pichler (Wachau), Manfred Tement (Südsteiermark) und der leider verstorbene Tibor Szémes, dessen Part seine Witwe Illa übernommen hat. Kirsche, leicht mineralisch; schmeckt saftig und frisch, schöne Säure, noch jung; etwas Kaffee; Ribiseln; "ob der sehr alt wird?"; elegant harmonisch, leichte Himbeeraromen, dann Kirsche, Weichsel. 16,3

Vincze Béla, Egri Cabernet Franc 2003, Eger, ca. 18 €
Ein Familienbetrieb (18 ha) kultiviert diese klassische Bordeaux-Rebsorte in einer Gegend, die für Egri Bikaver "Stierblut", früher aus der Rebsorte Kadarka, heute oft Blaufränkisch, bekannt ist. Farblich perfekt, aber verhalten riechend; gekochte Fruchtaromen, "nicht gerade wenig" Tannin - noch etwas rau; Zwetschken und etwas Schwarze Johannisbeere, Brombeeren; feste Struktur, aber noch nicht zusammenhängend; total jung, enormes Potenzial, gefällt sehr gut. 16,2

Schloss Esterházy Tesoro 2004 (Merlot, Cabernet Sauvignon,
Pinot Noir) Eisenstadt, 23 €

Der Jahrgang 2003 dieser Cuvée wurde kürzlich beim World Wine Award des renommierten britischen Decanter als beste Rotweincuvée mit der "International Trophy" ausgezeichnet. Riecht sehr aromatisch nach Kirschen; delikater Geschmack - Leder, Pfeffer, Kirschen, gute Säure; insgesamt dezent und elegant; klassisch trocken; braucht Zeit, gewinnt an der Luft; frisch, jung, harmonisch. 16,2

Gesellmann Opus Eximium Cuvée Nr. 15, 2002, (Blaufränkisch,
St. Laurent, Zweigelt) Deutschkreutz, 21,88 € (Wein & Co)

Ein Klassiker aus heimischen Rebsorten aus mittelburgenländischen Blaufränkischland. Zu Beginn etwas trocken, wird aber mit der Zeit besser; schmeckt besser, als er riecht; Kombination von gekochten Früchten, aber nur wenig Konzentration; viel Säure; pflaumig, feurig, sehr elegant; "burgundische Dimension", sehr, sehr gut. 16

Attila Gere, Cabernet Sauvignon Barrique 2000 Villány, 15,60 €
Attila Gere, Partner von Franz Weninger im österreichisch- ungarischen Jointventure, hier als Solist, erhielt geteilte Wertungen. Nette, mineralische Anklänge im Geschmack, sehr jugendliche Frucht, gute und eingebundene Säure; wird komplexer mit der Zeit; aber "weiche Gewürze, wird dünn und bitter"; dann wieder "Tannin-lastig und total verschlossen, braucht Zeit, dann enormes Potenzial"; schon beim Hinein- riechen hinreißend, Himbeeren; "der Beste bisher", mineralisch, harmonisch. 16

Malatinszky Kuriá Noblesse 2002 Cabernoir (Cabernet Sauvignon, Pinot Noir), Villány, 18,70 €

Ungewöhnliche Kombination von Rebsorten eines Weingutes, dessen Weine vor allem in der Topgastronomie zu finden sind. Weiche Kirscharomatik, pfeffrig am Gaumen - ein fruchtiger Kern fehlt etwas; reif; Anflug von Pfefferminz, etwas kantig; wenig charmant, aber sehr lang. 14,7


Gruppe ab 25 Euro

Römerhof Kollwentz, Steinzeiler 2002, (Blaufränkisch, Cabernet Sauvignon, Zweigelt) Großhöflein, 34 € ab Hof
Hauptanteil in dieser Cuvée ist Blaufränkisch, gewachsen - wie auch die anderen Komponenten - auf steinigen, kalkigen Böden an der Südseite des Leithagebirges. Sehr konzentrierte Frucht; komplexer als andere; dezenter Geruch nach Leder; saftig, dunkelbeerig im Finish, schöne Konzentration, Heidel- und Brombeeren; glasklare Struktur, "enormer Stoff, toll"; "riecht nach Wäscheleine - frisch, nicht chemisch". 18,3

Prieler, Ungerbergen 2000, Schützen/Gebirge, 31,25 €
(Wein & Co)

Cabernet Sauvignon, reinsortig, auf Sand und Kalkmergel gewachsen. Schöne Fruchtkonzentration mit dem richtigen Maß an Würzigkeit und Säure im Geschmack; Zwetschken, Schwarze Johannisbeeren und Holunder, würzig-pfeffrig; viel Tannin; großer Stoff, aber jung, der Wein wird noch Jahre brauchen, hält aber alle Versprechen. 18,3

Kellerei Bock Capella Cuvée 2000, (Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc) Villány, 29,99
Joszef Bock, Ungarns "Winzer des Jahres" 1997, bewirtschaftet 25 ha in Villánys besten Lagen und steht für einen sehr unverwechselbaren Stil (dichtest strukturiert, sehr "wild"). Sehr schöne und pfeffrige Frucht, gute Säurestruktur; schwarze Johannisbeeren; feine Kaffeearomen, dazu Zwetschken, saftige Frucht; Länge; eher reifer, offen; für einen Juror "sehr gut, aber zu gereift". 18,2

Nittnaus, Commondor 2002, (Merlot, Cabernet
Sauvignon, Zweigelt) Gols, 31 € (Burgenland-Vinothek)

Ein Wein, der sich bereits in Bordeaux-gegen-Burgenland-Verkostungen hervorragend geschlagen hat. Jugendliche, frische Frucht, schönes Tannin und einige Power; feine Lederaromen, etwas Kaffee; deutliche Brombeeren/ schwarze Johannisbeeren, Holunder; enormer Stoff mit großer Eleganz; leichter Erdton. 17,8

Vylyan, Cabernet sauvignon selection, 1999, Villány, 29,99 €
Kork beim Erstversuch, daher wurde eine zweite Flasche ohne Dekantieren probiert. Frische Früchte, Gewürznoten; forderndes, aber sehr schönes Tannin (ansatzweise Leder und Kaffeearomen), Heidelbeeren, Kaffee, Frucht immer schöner; dazu gute Säure, Frische; Johannisbeeren, Eukalyptus; "wie ein mittelreifer Bordeaux", aber auch "mehr Schein als Sein". 17,4

Gere/Weninger Kopár 2002 (Cabernet Sauvignon, Merlot,
Cabernet Franc), Villány, 32,99 €

Opulente und bekannteste österreichisch-ungarische Koproduktion. Konzentriert sowohl im Geruch als auch im Geschmack, obwohl bereits sehr reif; Gewürznoten, Tannin hat noch immer "Grip", etwas Brombeeren; etwas schwarzer Pfeffer; dezent pilzig, saftig, stoffig; Potenzial, toller Wein; ausgeglichene Beerenaromen, "harmoniesüchtiger" Roter, dichte Frucht. 16,5

Dank an Zoltán Idrányi, Geschäftsführer der auf ungarische Weine spezialisierten Vinothek In Vino Veritas, wo auch die Test-Weine zu beziehen sind, und Willi Balanjuk, Geschäftsführer von Wein Burgenland, die Weine zur Verfügung stellten, mitverkosteten, aber nicht werteten. Dank auch an die Jury: Darrel Joseph, Weinjournalist mit Spezialgebiet Zentral- und Osteuropa, Adi Schmidt, Sommelier im Wiener Steirereck, und Norbert Varga, Sommelier im Restaurant Alabárdos in Budapest, Christa Fuchs und Ulli Gutsch vom STANDARD. (Der Standard, Printausgabe 29./30.10.2005)

* Jeder Artikel spiegelt die ganz persönliche Meinung der AutorInnen wider.
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