China: Zögerliche Informationen zur Vogelgrippe

4. November 2005, 15:15
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Chinas Regierung verspricht Offenheit, die Auskünfte bleiben aber spärlich

Umfassende und uneingeschränkte Informationen über die Fälle von Vogelgrippe hat die chinesische Regierung versprochen – nach bereits sieben Ausbrüchen der Seuche in fünf Provinzen. In einer am Freitag live übertragenen Pressekonferenz versicherten die zuständigen Agrar- und Gesundheitsministerien, dass es bisher keine Übertragung auf Menschen gegeben habe.

"Keine einzige Ansteckung"

Chen Xianyi vom Gesundheitsministerium sagte, alle Gebiete, in denen es zu Ausbrüchen kam, seien sofort effektiv isoliert und kontrolliert worden. Sein Ministerium wisse bisher von keinem einzigen Fall einer menschlichen Ansteckung mit dem H5N1- Virus.

Das gelte auch für die zwölfjährige He Yin aus Hunan, die am 17. Oktober an Lungenentzündung starb. Ihr neunjähriger Bruder sei auch an Lungenentzündung erkrankt. Die Heimat der beiden Kinder ist ein Gebiet im Kreis Xiangtan, in dem durch einen Ausbruch der Seuche 545 Hühner verendeten. Die Geschwister sollen eines dieser Tiere gegessen haben. Ihre Erkrankung und der Tod des Mädchens seien aber nicht darauf zurückzuführen, sondern eindeutig die Folgen einer Lungenentzündung.

"Gerüchte"

Auch Chinas oberster Veterinär, Jia Youlin, bestritt, dass Informationen unterdrückt worden seien. Anders lautende Berichte, darunter auch der über den Tod von 121 Menschen im Hochland von Qinghai nach einem Ausbruch der Hühnergrippe im Mai, seien Gerüchte – mit bösartigen Absichten in Umlauf gesetzt.

Fiasko mit Sars

Chinas Regierung hatte nach dem Fiasko ihrer Verschleierungsversuche während der Sars-Epidemie 2003 allergrößte Offenheit versprochen. Gesundheitsminister Gao Qiang wurde vor wenigen Tagen von China Daily zitiert: „Sobald wir von einem neuen Ausbruch erfahren, wird das Agrarministerium internationale Organisationen, andere Länder und dann die Öffentlichkeit informieren. Wenn Menschen betroffen sind, informieren wir sofort die Öffentlichkeit.“

Trotz solcher Versicherungen klagen chinesische und internationale Presse über viele Ungereimtheiten in der Informationspolitik. Ein Beispiel: Die Behörden veröffentlichten ihre Angaben über den Fall der Hunaner Geschwister erst am Freitag, zwei Tage nachdem Hongkongs South China Morning Post darüber berichtet und erhebliche Unruhe ausgelöst hatte. Und das, obwohl das Mädchen schon am 17. Oktober gestorben ist. Reporter der Pekinger Zeitung China Business News bekamen bei ihren Recherchen in Hunan keine Antworten. Die Regierung in Peking reagierte auch offiziell nicht auf eine am Donnerstagmorgen schriftlich gestellte Anfrage der chinesischen Vertretung der Weltgesundheitsorganisation WHO, die sich nach dem Fall des Hunaner Mädchens erkundigte.

Nur die in englischer Sprache erscheinende Propagandazeitung China Daily durfte am Donnerstag auf ihrer ersten Seite melden, dass der Tod des Mädchens angeblich nichts mit dem H5N1-Virus zu tun hat.

Komplizierte Kontrolle

Veterinär Jia räumte ein, dass die Bekämpfung der Vogelgrippe in China auf besonders schwierige Bedingungen stößt. Seinen Worten zufolge werden im ganzen Land von unzähligen und verstreuten Hühnerfarmen und Züchtern 14,2 Milliarden Stück Geflügel gehalten, ein Fünftel des Federviehs der gesamten Welt. Die Möglichkeiten für Ansteckungen seien daher sehr hoch. Hinzu komme, dass 60 Prozent allen Geflügels in Millionen von Bauernhaushalten gezüchtet werden. Dennoch sei es bisher nur zu ganz wenigen Fällen gekommen.

Seit Anfang 2004 wurden weltweit 3600 Ausbrüche der Vogelgrippe gemeldet, 3400 davon in Asien. In China kam es darunter nur zu 56 Ausbrüchen. Bei jedem Vorfall wird alles Federvieh im Umkreis von drei Kilometern gekeult. China steht derzeit unter erhöhtem Alarm, weil drei der acht weltweiten Vogelflugrouten durch diesen Staat führen. Von November bis Januar fliegen Asiens Vögel zur Überwinterung von Norden nach Süden. Die Wintermonate sind in China zugleich auch Hochzeit für normale Grippeerkrankungen.

Johnny Erling aus Peking
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