Schreiben in der Feindessprache: Agota Kristof

30. Oktober 2005, 20:02
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Am Sonntag wurde die große ungarische Schriftstellerin 70 Jahre alt: Aktuell erschien ihre schmale Autobiografie "Die Analphabetin"

Seit ihrer Flucht 1956 lebt Kristof in der französischen Schweiz.


Zwei Brüder werden zu ihrer Großmutter gebracht - aus der großen Stadt ins Dorf an der Grenze. Sie sind Zwillinge, die Buchstaben ihrer Namen identisch: Claus und Lucas. Vielleicht sind die zwei auch nur einer - doch das ist Vermutung, keine Tatsache und verstößt so gegen das Gesetz.

Als 1986 Le grand cahier (Das große Heft) erschien, der Debütroman der damals bereits 51-jährigen Agota Kristof, stand eines sofort außer Frage: Diese Autorin und dieses Buch - sie hatten die europäische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts um eine künftig unverzichtbare Stimme erweitert, eine Stimme von ungewöhnlicher Sprödheit. Kurze, kantige, nahezu nebensatz- und adjektivlose Sätze hackten die materielle wie emotionale Verarmung in einem Dorf unter (kommunistischer) Diktatur ins Bewusstsein der Leser.

Ein harter Blick auf eine harte Welt, in der schon die Kinder um ihr Dasein zu kämpfen lernen. Es ist der Blick der Zwillinge, die die Etappen einer Abhärtung notieren, einer Überlebensstrategie, in eben jenem großen Heft, das dem Roman seinen Namen gibt: 62 Berichte gezielter Verrohung.

Dank ihrer Selbstdisziplin, ihrer Selbsterziehung zu Grausamkeit, Fühllosigkeit wird einem von ihnen schließlich durch das tödliche Minenfeld der Grenze die Flucht gelingen - über den leblosen Körper des Vaters steigend, den er vorausgeschickt hat, die Detonationen auszulösen. Denn: "Ja, es gibt eine Möglichkeit, über die Grenze zu gehen: Wenn man jemand vor sich hergehen lässt."

Karge Notate

Die Flucht über die Grenze 1956, nach dem gescheiterten Aufstand gegen das kommunistische Regime Ungarns, markiert auch eine Zäsur in Agota Kristofs eigenem Leben, das sie in dem vor wenigen Wochen im Schweizer Ammann-Verlag erschienenen, 75 schmale Seiten kurzen, autobiografischen Buch Die Analphabetin umreißt.

Die kargen Notate folgen dem gleichen strengen Gesetz, das die Zwillinge Claus und Lucas für ihr Schreiben notierten: "Der Aufsatz muss wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen. (...) Die Wörter, die die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, das heißt an die getreue Beschreibung der Tatsachen." Einen "objektiven Schreibstil" nannte Agota Kristof selbst ihre Aussparung der Gefühlswelt. Sie tönt desto lauter aus den Lücken zwischen der Sprache der Fakten.

Aufgewachsen als Kind eines Lehrers im ungarischen Dorf Köszeg und infiziert mit dem Virus des Lesens bereits als Vierjährige, mit jenem des Schreibens von Lyrik seit dem Alter von 14, findet sich Agota Kristof nach der Flucht mit Mann und Kind in der französischen Schweiz sprachlos wieder. Als Analphabetin. Von diesem Zeitpunkt an beginnt das "neue Leben" mit monotoner Arbeit in der Fabrik, der endgültigen Abgeschnittenheit von ihrer früheren Existenz. Nicht alle Flüchtlinge werden die "Wüste" ertragen: "Zwei von uns sind nach Ungarn zurückgekehrt, trotz der Gefängnisstrafe, die sie dort erwartete. Zwei andere, junge, unverheiratete Männer, sind weiter weggegangen, in die USA, nach Kanada. Vier andere noch weiter weg, so weit man gehen kann, über die große Grenze. Diese vier Personen aus meinem Bekanntenkreis haben sich in den ersten beiden Jahren unseres Exils umgebracht."

Kampf um Sprache

Agota Kristof bleibt - und nimmt den Kampf um die französische Sprache auf - bis heute. "Ich spreche es nicht fehlerfrei und schreibe es nur mithilfe häufigen Nachschlagens in Wörterbüchern. Aus diesem Grund nenne ich auch die französische Sprache eine Feindessprache. Es gibt noch einen anderen Grund, und das ist der schwerer wiegende: diese Sprache tötet allmählich meine Muttersprache."

Ihre Romane, neben Das große Heft etwa Der Beweis und Die dritte Lüge, Teil zwei und drei der Trilogie um die fortan getrennten Zwillinge, schreibt sie in Französisch. Auch das erbitterte Ringen um das einzelne Wort spricht aus der Knappheit des Stils.

Ernste Bücher eines ernsten Lebens, durch deren Zeilen der Anspruch des Menschen auf eine Existenz in Frieden leuchtet. Und ein Lachen, das ihr, wenn nicht das Leben, so das Lesen schenkt. Beispielsweise Thomas Bernhard: "Ja ist das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe. Ich habe es mehreren Freunden geliehen mit der Bemerkung, dass ich noch nie derart gelacht hätte beim Lesen eines Buches. Sie gaben es mir zurück, ohne es zu Ende gelesen zu haben, so ,demoralisierend' und ,unerträglich' erschien ihnen die Lektüre."

Am Sonntag, dem 30. Oktober, wird Agota Kristof 70. In gewohnter Lakonie kommentierte sie den Anlass durch die Erscheinung eines (wunderbaren) Novellenbands mit dem Titel C'est egal ("Egal"). (DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.10.2005)

Von Cornelia Niedermeier
  • Aufgewachsen als 
Kind eines 
Lehrers im 
ungarischen 
Dorf Köszeg: ein 
Kindheitsfoto 
von Agota 
Kristof.
    foto: kristof

    Aufgewachsen als Kind eines Lehrers im ungarischen Dorf Köszeg: ein Kindheitsfoto von Agota Kristof.

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