Idealbauern auf Brachialtapeten

4. November 2005, 12:21
2 Postings

Das Kunstmuseum Vaduz zeigt Belege für das "Biedermeier im Haus Liechtenstein": Die Familiensammlung umfasst Gemälde, Aquarelle, Möbel und eine Porzellankollektion

Vaduz - Man kennt das ja: Die Sehnsucht nach dem Einfachen entpuppt sich oft genug als Hund. Und also bleibt man stur dabei, das erträumte Einfache wider jede Realität auch fortan so zu sehen, wie man es sich nun einmal schwer erträumt hat: ideal. Weil den Reiz am anderen Alltag, an dem der Bauern und Handwerker, will man sich ja nun wirklich nicht durch womöglich sehr üble Gerüche oder gar den Schorf auf der Haut der Magd vermiesen lassen.

Derartiges würde jedem Genrebild die Süße nehmen. Und das wollte auch Georg Ferdinand Waldmüller so überhaupt nicht. Und also hat er uns Ansichten von Handwerkern und Bauern überliefert, die auch heute noch jederzeit das Cover eines "Best of Musikantenstadel" zieren könnten: Ansichten von Idealbauern samt den ihnen dankbar untergebenen Idealmägden, von pausbackigen Idealkindern, von wettbewerbstauglichen und treuen Wachrüden, von tadellos schicksalsergebenen Familienverbänden in tadellos sitzenden, unbefleckten Trachten.

Und während da die Abendsonne romantische Schatten auf die pittoresk verfallenen Fassaden der putzig bescheidenen Gehöfte wirft, reicht ein bescheidenes Mädchen seinem Vater einen naturverbunden selbstgepflückten Bund zarter Wiesenblumen. Weil eines jeden Tag gilt: Wiedererstehen zu neuem Leben. 1852 hat Waldmüller sich diese Szene ohne Stallgeruch und Wanzenplage ausgemalt, und wer sich so was nicht leisten konnte, brauchte sich auch nicht verhöhnt zu fühlen.

Derartiges wurde ja doch nur - handwerklich wie technisch bravourös - für jene Salons angelegt, die entgegen dem erst viel später konstruierten Klischee vom Biedermeier, so gar nicht fahl und fad waren. Üppig goldgerahmt hingen Stücke wie diese auf knallbunten Tapeten und erfreuten Herrn wie Frau Biedermann, die auf ihre Nachkriegsfreude mit Kaffee aus Sorgenthal-Tassen anstießen, dabei vielleicht auf den ersten Bugholzstühlen von Thonet saßen und sich von mechanischen Vogerln ihr Glück bestätigen ließen.

Biedermeier zeigt sich als Nebeneinander von Genre und Karikatur, von verklärendem Zauber und Vorgriff auf die Moderne. Die Fürsten von und zu Liechtenstein waren angetan. Alois Josef I. etwa unternahm viele Reisen durchs Salzkammergut mit Joseph Höger und erwarb in Folge dessen Ansichten.

Der Kern der heute höchst bemerkenswerten Biedermeiersammlung der Familie wurde direkt bei den wesentlichen Künstlern der Zeit beauftragt und angekauft. Johann Kräftner, der Direktor der Sammlungen und zugleich des Wiener Liechtenstein Museums, war und ist in der glücklichen Lage, diesen Kern um das Beste zu erweitern, was der Markt hervorbringt.

Die Erstpräsentation eines Teils der Kollektion bietet denn auch ein in dieser Dichte unvergleichliches Qualitätsniveau. Und: Ganz im Sinn des Konzeptes des Palais Liechtenstein ist es Kräftner gelungen, selbst im White Cube des Kunstmuseums in Vaduz eine annähernd atmosphärisch korrekte Inszenierung anzulegen. Er hängt Waldmüllers Idealbauern mit August Pettenkofens Stelldichein ein schmusendes Pärchen der Wirklichkeit schon näherer, armseliger Figuren samt ausgemergeltem Gaul gegenüber, er zeigt beschauliche Stadtansichten eines Rudolf von Alt und Thomas Ender neben Anton Einsles krass realistischen Porträt eines Grafen Lodron, der seine steirische Abstammung bis heute nicht verbergen kann.

Ganz ohne gefinkelte Ausstellungsarchitektur, nur kraft der Objekte gelingt es Kräftner, die Epoche zu fassen. Erstmals zu sehen sind Teile der nach ihrer Restituierung erworbenen Porzellansammlung Bloch-Bauer. Purismus und Witz der Arbeiten der Manufaktur Sorgenthal leiten ebenso ins 20. Jahrhundert, wie ein Gartensessel, der vorgibt, aus dem gebräuchlichen Gusseisen zu sein, tatsächlich aber aus genietetem Eisenblech gefertigt wurde und damit späteren Stahlrohrmöbel vorsteht. (DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.10.2005)

Von Markus Mittringer

Bis 27. 8. 2006
  • Jahre nachdem dieses Aquarell entstand, 
hat die abgebildete Durchlaucht alles womöglich Anstößige aus der Familienammlung verkauft: Peter Fendi (1796-1842), Fürst Johann II. von Liechtenstein.
    foto: krause, johansen/sammlungen des fürsten

    Jahre nachdem dieses Aquarell entstand, hat die abgebildete Durchlaucht alles womöglich Anstößige aus der Familienammlung verkauft: Peter Fendi (1796-1842), Fürst Johann II. von Liechtenstein.

Share if you care.