Ankündigung eines Genozids

14. November 2005, 08:33
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Man muss Präsident Ahmadi-Nejad vorsorglich ernstnehmen - eine Kolumne von Hans Rauscher

Wenn der Führer eines großen, regional mächtigen Staates öffentlich einen Genozid ankündigt, kann das die Welt überhören, wegerklären ("das macht er ja nur für den innenpolitischen Gebrauch") oder es ernst nehmen. Als Adolf Hitler am 30. Jänner 1939 zugleich den Krieg und den Judenmord unmissverständlich ankündigte ("Wenn es dem internationalen Finanzjudentum . . . noch einmal gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis . . . die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa sein"), nahmen ihn manche (Churchill, Roosevelt) zumindest in Sachen Kriegsdrohung ernst, den Holocaust konnte/wollte sich niemand vorstellen.

Wenn nun der iranische Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad vor 4000 begeisterten Studenten die "Auslöschung Israels" fordert, so sollte man zunächst registrieren, dass ihn die Agenturfotos vor einem Plakat mit dem englischen Konferenztitel "A world without Zionism" zeigen, also die internationale Öffentlichkeit bewusst gesucht wurde; zweitens sollte man ihn ernst nehmen. Ein islamistischer, antisemitischer Fanatiker, der zwar nicht (noch nicht?) die totale Macht im iranischen Mullah-Regime hat, sie aber offenkundig anstrebt; der das Atomwaffenprogramm des Iran um jeden Preis vollenden will - das kommt zu einem Zeitpunkt, da der Westen paralysiert ist.

Vor allem durch die Regierung Bush, die einen Zustand selbst verschuldeter Handlungsunfähigkeit erreicht hat. Das Irak-Abenteuer, das bis jetzt mehr als 2000 US-Berufssoldaten und - in Wahrheit furchtbarer - rund 30.000 irakische Zivilisten das Leben gekostet hat, zerstört die internationale Glaubwürdigkeit und (militärische) Handlungsfähigkeit der USA. In Washington selbst ist ein Prozess in Gang gekommen, der die Lügen der Regierung bei der "Begründung" des Irakkriegs und gleichzeitig die Inkompetenz bei der Durchführung dieser Aktion ans grelle Licht bringt. Ob nun dieser oder jener Berater des Präsidenten oder des Vizepräsidenten vor Gericht angeklagt wird, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass durch die Aussagen von beteiligten Insidern "eine heimlichtuerische, wenig bekannte Kabale" aufgedeckt wurde, in der die US-Außenpolitik gekidnappt wurde (Oberst Lawrence Wilkerson, der frühere Stabschef von Außenminister Colin Powell). Die Hauptpersonen dieser Kabale seien Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, die den Irak-Krieg und anderes "manchmal mit der vollen und bewussten Unterstützung des Präsidenten, manchmal aber mit weniger" durchgezogen hätten.

George W. Bush hat die Unterstützung der Mehrheit der Amerikaner verloren, weil ein Fiasko nach dem anderen (Irak, Hurrikan "Katrina") offenkundig wurde. Aber schon vorher wussten er und sein Kreis nicht wirklich, was sie gegen die nuklearen Ambitionen der Iraner machen sollten. Nun droht totale Rat- und Hilflosigkeit.

Nach Hitlers Ankündigung dauerte es nur neun Monate, bis er den Krieg und dann noch einmal zwei Jahre, bis er den Holocaust in Gang setzte. Mit einem solchen unaufhaltsamen Ablauf muss man bei Ahmadi-Nejad nicht rechnen. Er ist eben nicht der absolute Herrscher des Iran. Auch unüberlegte militärische Aktionen verbieten sich aus vielen Gründen. Aber man muss ihn vorsorglich ernst nehmen. Die Zeitgeschichte kennt auch andere charismatische Fanatiker, die ihre Massenmorde offen ankündigten und mit gewachsener Machtfülle dann umsetzten. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2005)

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