Kopf des Tages: Sonderermittler Patrick J. Fitzgerald

6. November 2005, 18:56
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Ein penibler Ermittler quält das Weiße Haus

Präsident George W. Bush wird Schwierigkeiten haben, den von seinem Exjustizminister John Ashcroft im Fall der CIA-Geheimagentin Valerie Plame eingesetzten Sonderermittler als parteiisch abzutun: Erst vor wenigen Wochen lobte er Patrick Fitzgerald, dieser führe seine Ermittlungen in "würdiger Art und Weise". Der 44-jährige Staatsanwalt in Chicago unterscheidet sich jedenfalls in vielem von einigen seiner Vorgänger: In seinem Umkreis gibt es keine "Lecks" - er selbst gibt auch keine Interviews und scheut die Fernsehkameras.

Seine Entschlossenheit stellte Fitzgerald schon in frühen Jahren unter Beweis: als er von der prestigereichen Regis High School in New York abgelehnt wurde, rief er kurzerhand den Direktor der Schule an, es müsse wohl ein Missverständnis vorliegen - tatsächlich stellte sich eine Namensverwechslung heraus, und der junge Fitzgerald konnte in die renommierte Jesuitenschule eintreten.

Patrick J. Fitzgerald wurde 1961 in eine irisch-amerikanische Familie in Brooklyn geboren. Sein Vater arbeitete in Manhattan als Türsteher (eine Tätigkeit, die Patrick später selbst kurzzeitig ausübte, um sich das Studium zu finanzieren). Er absolvierte sein Studium in Mathematik und Wirtschaftswissenschaften am angesehenen Amherst College und promovierte an der Harvard Law School. Nach kurzer Zeit in einer privaten Praxis wurde er 1988 stellvertretender Staatsanwalt in New York, wo er unter anderem den Fall von Mafia-Boss John Gotti bearbeitete. 1994 war er Ankläger gegen Scheich Omar Abdel Rahman, der für das Bombenattentat auf das World Trade Center von 1993 verurteilt wurde. Später erhob er Anklage gegen Osama bin Laden, als dessen Name noch nicht in aller Munde war.

2001 wurde er zum US- Staatsanwalt für Chicago ernannt, wo er sogleich den amtierenden Gouverneur von Illinois, George Ryan, der Korruption überführte. Ende Dezember 2003 wurde er Sonderermittler im Fall der Enttarnung von Valerie Plame.

Fitzgerald ist unter seinen Kollegen als penibel, gewissenhaft, detailorientiert und aggressiv bekannt. Anders in seinem Privatleben: Eine Kollegin berichtet, während seiner Zeit in New York sei seine Schlamperei geradezu legendär gewesen - so habe er einmal in einem Anfall von Häuslichkeit zwei riesige Pfannen mit Lasagne gebacken, sie allerdings bald wieder vergessen und erst nach drei Monaten völlig eingetrocknet in seinem Backrohr entdeckt. In seinen Schreibtischladen findet man angeblich oft alte Socken oder halb verzehrte Speisen.

Der Workaholic Fitzgerald hat noch keine Zeit gefunden, zu heiraten. Laut seinen Freunden sei er ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler, mit dem man gerne auf ein Bier oder zu einem Baseballspiel geht. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2005)

von Susi Schneider
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