Warum das Engagement der US-Bürger schwindet

2. November 2005, 15:08
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Soziologin Theda Skocpol referierte in Wien über einen irritierenden Trend

Wien – Die US-Soziologin Theda Skocpol leitet seit Jahren ein Projekt an der Harvard University, bei dem sie gemeinsam mit einer Gruppe von Wissenschaftern unterschiedlichste Formen von Bürgerbeteiligung und freiwilliger sozialer Zusammenschlüsse in der US-Geschichte seit 1791 untersucht. Einen Trend bestätigt diese Arbeit stets auf Neue: dass nämlich seit etwa einem halben Jahrhundert das entsprechende Engagement der Amerikaner abnimmt. Die schwindende Lust des US-Bürgers, in Clubs, Vereinen oder sonstigen Interessengruppen mitzuwirken, ist ein bekanntes, auch von der Politik argwöhnisch beäugtes Phänomen. "Zu Recht", meint die Forscherin, die am Donnerstag auf Einladung des "Instituts für die Wissenschaften vom Menschen" in Wien referiert hat. "Dieser Trend hat negative Auswirkungen auf den inneren Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft." Sowohl Präsident Clinton, als dessen Beraterin Skocpol fungiert hat, als auch George W. Bush versuchen zeitweilig, dem zunehmenden Desengagement entgegenzusteuern. Doch das ist leichter gesagt als getan, zumal auch die tieferen Ursachen des Phänomens nicht eindeutig sind.

Immer professioneller

Robert Putnam, ein Harvard-Kollege von Skocpol, hat in seinem Bestseller "Bowling Alone" vor allem neue Fernsehgewohnheiten für die wachsende Vereinzelung der Amerikaner verantwortlich gemacht. Skocpol dagegen glaubt, dass die Hauptursache in einer Professionalisierung von Vereinen und Interessengruppen liegt, die es dem Normalbürger immer schwieriger macht, sich an solchen Gemeinschaften zu beteiligen. "Die alten Gruppen und Vereine, die das Leben in Amerika geprägt haben, schlossen ein breites Spektrum an Bürgern ein. Oft waren es Männer- oder Frauenvereine, Veteranenverbände oder Gruppen auf einer religiösen Basis. Heute ist dagegen eine hochprofessionelle Interessengruppe typisch, die zwar ein Büro in Washington D.C. hat, aber keine Mitglieder mehr."

Durch diese Entwicklung, meint Skocpol, fielen die Möglichkeiten zur demokratischen Partizipation für viele Amerikaner geringer aus als früher – und auch das habe "zur politischen Polarisierung beigetragen". Die typische Organisation heute sei an einem brandheißen Thema interessiert, mit dem sich möglichst viel Medieninteresse generieren lässt.

"Die mühselige, verzwickte Arbeit, Mehrheiten zu finden oder überhaupt erst zusammenzubringen, interessiert diese Leute nicht." (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2005)

von Christoph Winder
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