Österreichs Nazi-Bauten erfasst

3. November 2005, 19:14
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Bundesdenkmalamt lässt österreichweit Erhebungen durchführen

Wien - Das "Führerzimmer" des Wiener Volkstheaters war möglicherweise erst der Anfang. Das architektonische Erbe des Nationalsozialismus könnte auch nach Absolvierung des "Gedenkjahres" für Aufregung sorgen. Das Bundesdenkmalamt lässt derzeit österreichweit Erhebungen über Nazi-Bauten durchführen, die im Frühjahr abgeschlossen sein sollen. Bereits jetzt ist klar, dass der Bestand umfangreich ist.

"Es gibt unheimlich viel aus der Zeit", bestätigt Generalkonservatorin Eva-Maria Höhle. Auf zahlenmäßige Schätzungen möchte sie sich nicht einlassen, doch in seinem Standardwerk "Bauen unterm Hakenkreuz" hat der Architekturhistoriker Helmut Weihsmann dem "Ostmark"-Kapitel mehr als 200 Seiten gewidmet. Nach Abschluss der Erhebungen soll ein Kolloquium mit Zeithistorikern versuchen, "die Spreu vom Weizen zu trennen" (Höhle). Am Ende könnten zahlreiche neue Denkmalschutzbescheide erlassen werden. "Es geht nicht um Einzelmonumente, sondern um eine historische Schicht, derer wir uns annehmen müssen", sagt Höhle. Denn weltweit wird die Erhaltungswürdigkeit unabhängig von der den Bauten zu Grunde liegenden Ideologie beurteilt.

Am geschichtlichen Wert zu messen

"Wir haben uns längst davon verabschiedet, nur jene Zeugnisse zu erhalten, denen wir zustimmen", betont Georg Mörsch. Der seit 1980 an der ETH Zürich lehrende Deutsche gilt als einer der führenden europäischen Experten in Denkmalschutz-Fragen. Er verweist darauf, dass sich das Konzentrationslager Auschwitz seit mehr als zwei Jahrzehnten auf der "World Heritage List" findet. Nicht der kulturelle, sondern der geschichtliche Wert eines Objekts sei für das "gesellschaftliche Erhaltungsinteresse" von Bedeutung.

Zwar gebe es sehr unterschiedliche mögliche Vorgangsweisen im Umgang mit derlei Baudenkmälern, wie etwa die Weiter-Nutzung von Nazi-Ministerien in Berlin oder die Zusatz-Bebauung auf dem Nürnberger Parteitags-Gelände durch den Österreicher Günther Domenig bewiesen, "doch die Erhaltung solcher Dinge macht uns auch frei", so Mörsch, "sie zeigt, dass wir uns davor nicht verstecken." Deshalb versteht der Experte auch jene Vorwürfe nicht, die von Seiten des Volkstheaters und des Wiener Planungsstadtrats Rudolf Schicker (SPÖ) jüngst gegen das Bundesdenkmalamt (BDA) erhoben wurden.

"Natürlich müssen wir die Wiederherstellung des historischen Zustandes verlangen."

"Es geht dabei nicht nur um das Hitler-Zimmer allein, sondern um eine Schicht in der Baugeschichte dieses Hauses", erläutert Höhle, nicht das Zimmer im Einzelnen, sondern das Haus als Ganzes stünde unter Schutz. Das Zimmer sei außerdem eines der wenigen komplett aus der Zeit erhaltenen Interieurs. Die unerlaubte Entfernung habe man angezeigt und einen Sicherstellungsantrag eingebracht: "Natürlich müssen wir die Wiederherstellung des historischen Zustandes verlangen." Das Bühnenbild zu dem Thomas Bernhard-Stück "Vor dem Ruhestand" müsste dafür übrigens nicht verändert werden. Auf Nachfrage bestätigt man im Volkstheater Berichte, nach denen sich nicht die Originaltäfelungen, sondern etwas veränderte Nachbauten auf der Bühne befinden.

Viele der Nazi-Bauten stehen übrigens "ex lege" bereits unter Denkmalschutz, da sie im öffentlichen Eigentum stehende Bauten sind. Zu den prominentesten "Erbstücken" jener Zeit zählen in Wien u.a. die vom SS-Baubüro errichtete Fasangartenkaserne oder die Flaktürme, nicht jedoch das Wartehäuschen vor dem Hotel Bristol, das Stadtrat Schicker unlängst als angeblich "als erstes öffentliche Gebäude nach der Machtergreifung Hitler-Deutschlands unter Schutz gestellt" in die Debatte eingebracht hatte. "Das stimmt nicht, denn wir haben Fotos aus den Jahren vor 1938, auf denen das Wartehäuschen bereits zu sehen ist", kontert Höhle.

Stoff für Diskussionen

Obwohl man sich beim Studium des fast 1200 Seiten dicken Wälzers "Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs" bald glücklich schätzt, dass die meisten der weit reichenden Um- und Neubaupläne der Nazis in Österreich nicht verwirklicht wurden, so ist doch von der umfassenden Bestandsaufnahme manche unliebsame Überraschung zu erwarten. Denn neben den bekannten Gebäuden wie der Brückenkopfverbauung, der Nibelungenbrücke und den "Hermann Göring Werke" in Linz dürften auch zahlreiche Beispiele zur NS-Wohnbautätigkeit aufgelistet werden.

Diskussionen sind absehbar. Denn auch der Anlass zu der im Laufen befindlichen Erhebung des Bundesdenkmalamts war von Emotionen begleitet: Bei der Unterschutz-Stellung der Grazer Messehalle 11, einer Holzkonstruktion aus dem Jahr 1939, vor drei Jahren "wurden uns automatisch braune Tendenzen unterstellt", erinnert sich Höhle. Anderswo gehe man wesentlich offener mit dem Thema um. In Berlin etwa gebe es einen eigenen Stadtführer zur NS-Architektur. "Dort hat man das als Teil der eigenen Geschichte akzeptiert, auch wenn sie schmerzhaft ist."(APA)

Helmut Weihsmann: "Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs", Promedia Verlag, 1166 Seiten, 51,90 Euro

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Bundesdenkmalamt
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