Spottfigur Berlusconi als Quotenhit

27. Dezember 2005, 16:38
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Adriano Celentano fordert Berlusconi heraus - und das ausgerechnet im regierungskontrollierten Staatsfernsehen ...

Adriano Celentano fordert Italiens Premier Silvio Berlusconi heraus - und das ausgerechnet im regierungskontrollierten Staatsfernsehen, dessen Niveau sich den Privatsendern anpasst.

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Wenn sich auf einer tropischen Insel täglich der Sänger Al Bano mit ein paar Filmsternchen und einer alternden TV-Moderatorin zankt, sehen Millionen Italiener gebannt zu. Anspruchslosigkeit dominiert in Italiens sieben landesweiten Fernsehprogrammen: endlose Fußballsendungen, qualitativ bescheidene Filmserien und seichte Unterhaltungsprogramme beherrschen den Bildschirm. Lediglich Rai 3 zeigt sich allenthalben um Niveau bemüht. Bei solcher Tristesse konnte es kaum verwundern, dass die Ankündigung einer neuen Sendereihe mit Adriano Celentano sofort die Neugier der Medien weckte.

Der Mailänder Sänger, den die Italiener wegen seiner federnden Bewegungen "Il Molleggiato" (Der Elastische) nennen, ist trotz seiner 68 Jahre ein Star - und gebärdet sich auch als solcher. Für die ängstlichen Rai-Chefs ist jede Sendung mit Celentano ein Gang durchs Fegefeuer: Er garantiert hohe Einschaltquoten, ist aber unberechenbar. Für Politik hat sich der Musiker nie interessiert. Was ihm sichtlich Vergnügen bereitet, ist der Verstoß gegen Konventionen.

Alarmstimmung in der Rai

Dass sich Celentano nicht in die Karten schauen lassen wollte, versetzte den Programmchef von Rai 1, Fabrizio Del Noce, in Rage. Der langjährige Forza-Italia-Abgeordnete drohte gar damit, sein "Amt für die Dauer der Sendung niederzulegen" oder das Rai 1-Signet auszublenden. Als bekannt wurde, dass Adriano Celentano den ersten seiner vier "Rockpolitik"-Sendungen dem Thema Meinungsfreiheit widmen werde, herrschte in der Rai akute Alarmstimmung.

Der Molleggiato tat, was er am liebsten tut: Er nutzte seine mit 1,4 Millionen Euro vergoldete Narrenfreiheit zu einer effektvollen Show. Er blendete die als "Edikt von Sofia" bekannte Berlusconi-Rede ein, in der der Premier während eines Staatsbesuchs in Bulgarien die Namen von vier missliebigen TV-Journalisten und Komikern genannt hatte, deren Sendungen von der Rai dann umgehend abgesetzt wurden.

Pathetischer Appell für den Pluralismus

Drei der Stühle, die Celentano für die Geschassten bereitgestellt hatte, blieben leer: Der Doyen der italienischen Journalisten, Enzo Biagi, und der Komiker Daniele Luttazzi lehnten einen Auftritt in der Rai ab. Der Fernsehjournalist Michele Santoro, der tags zuvor sein Mandat im Europaparlament zurückgelegt hatte, da Politiker in Unterhaltungssendungen nicht auftreten dürfen, begnügte sich mit einem pathetischen Appell für den Pluralismus.

Mehr als elf Millionen Italiener sahen zu. Der Sturm der Entrüstung brach noch während der Sendung los. Die Nationale Allianz forderte den Rücktritt des Rai-Präsidenten Alfredo Meocci, Programmchef Del Noce beschuldigte Celentano der Vertragsverletzung, und der durch sein Fernsehimperium zu Reichtum und Macht gekommene Medienzar Silvio Berlusconi präsentierte sich gar als "Opfer des Fernsehens".

"Rückkehr der schwarzen Listen"

Flugs schob der Premierminister die Namen von sechs weiteren Komikern nach, von denen er im Fernsehen "verunglimpft" werde. Oppositionschef Romano Prodi sprach von einer "Rückkehr der schwarzen Listen".

Gespannt verfolgten Millionen Italiener am Donnerstag die zweite Folge von Celentanos Sendung. Doch vor der überdimensionalen Wolkenkratzer-Kulisse vermochte einzig Roberto Benigni für Stimmung zu sorgen. Der Starkomiker diktierte Celentano in seinem meisterhaften Auftritt einen ironischen Brief an Silvio Berlusconi ("Caro Silviuccio . . "), der das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss.

Während des 40-minütigen Auftritts erreichte die Einschaltquote eine Rekordhöhe von mehr als 60 Prozent. Diesmal schien Berlusconi eine Reaktion unangebracht. Kommunikationsminister Mario Landolfi meinte lakonisch: "Was Benigni geboten hat, war echte Satire." (Gerhard Mumelter/DER STANDARD; Printausgabe, 29./30.10.2005)

Link

rockpolitik.it

Nachlese

"Rockpolitik" gegen Berlusconi - Quotenrenner: Celentanos TV-Show mit Attacken gegen Regierung und Staatsfernsehen - Minister sind empört

"Bin Opfer der Satiriker" - Berlusconi verärgert: Italiens Regierungschef wettert gegen Show von Adriano Celentano

  • Redlich mühten sich Adriano Celentano ...
    foto: standard/seidl

    Redlich mühten sich Adriano Celentano ...

  • ...und sein Gast Roberto Benigni mit einem Brief ...
    foto: standard/seidl

    ...und sein Gast Roberto Benigni mit einem Brief ...

  • ... an das "liebe Silviolein".
    foto: standard/seidl

    ... an das "liebe Silviolein".

  • Die Nummer galt als Höhepunkt der Kritik am allmächtigen Berlusconi
    foto: standard/seidl

    Die Nummer galt als Höhepunkt der Kritik am allmächtigen Berlusconi

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